Mehr Bitcoins im Fundraising?

Zum Jahresende wird immer zurückgeblickt. Was ist gewesen und wie haben verschiedene Entwicklungen das Fundraising und Spendenwesen verändert. In den vergangenen Jahren war das häufig ernüchternd, da kaum was geschehen ist. Und man schaut nach vorne, was kommen wird oder welche Entwicklungen vermutet werden. Die Kristallkugelfrage halt.

Ein Thema beschäftigt mich seit geraumer Zeit, ist aber weit weg von irgendeinem Fundraising-Trend. Man sagt dem gemeinnützigen Sektor ja meist zurecht nach, in vielen Bereichen der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung hinterherzuhinken. Und Innovation ist auch nicht überall zu finden, sieht man mal von Leuchttürmenab. Je nischiger und „nerdiger“ eine Idee im Fundraising ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich in der breiten Masse nicht durchsetzen wird oder monetär keine Rolle spielen wird.

Reden wir mal über Bitcoins

Auf meinem Radar erscheint seit längerer Zeit immer mal mehr die Bitcoin Spende. Sowohl Wikimedia, als auch netzpolitik.org und weitere Organisationen bieten mittlerweile die Möglichkeit, via Bitcoin zu spenden. Auch die Fundraisingbox bietet die Implementierung von Bitcoins an.

Bitcoin Magie
“Ich rufe Dich, Galaktika.” Sind Bitcoins aus einer fernen Galaxie oder ein geerdetes Fundraisingzahlungsmittel?

Bleibt die Frage, ob diese Spendenoption beim ohnehin immer noch in Relation spärlich bedeutenden Online-Fundraising auch nur ansatzweise relevant oder messbar ist.

Nach der ursprünglichen Veröffentlichung dieses Artikels sind 2 weitere Jahre ins Land gegangen. Mittlerweile haben wir Ende 2017 und der Blick geht wieder zurück auf die vergangenen 12 Monate. Aus Fundraising-Sicht spielen Bitcoins immer noch keine Rolle. Ausnahmen werden die Regel darstellen.

Dennoch: Es ist aus meiner bescheidenen Sicht eines der spannendsten Themen, die es derzeit im Online-Fundraising gibt. Aus verschiedenen Gründen. Es gibt immer mehr gute Beispiele für den Einsatz von Kryptowährungen und Blockchain-Technologien im gemeinnützigen Sektor.

Dramatisch: Der Wert des Bitcoins hat heute morgen (Nikolaus 2017) die Schwelle von 10.000 Euro überschritten. Ende 2015 lag 1 Bitcoin bei 405 Euro und dies wurde als Jahreshoch gefeiert. Vor 2 Tagen fand in Wien die 1. Bitcoin-Fundraising Veranstaltung statt. Bitoin-Varianten haben sich gegenüber der “Urwährung” mehrere Male aus technischen oder philosophischen Gründen abgespalten. Grund genug also, mal genauer hinzuschauen.

Die Tatsache, dass vermutlich der Großteil der Leser dieses Blogs entweder gar nicht wissen, was Bitcoins überhaupt sind, schreit nach Erklärungen.

Was sind Bitcoins?

Ganz ehrlich? In kurz und knapp das System zu erklären, ist wirklich herausfordernd und viele Menschen, die sich damit beschäftigt haben, steigen irgendwann am Anfang aus. Was schade ist.

In einfachen Worten: Bitcoins sind eine Internetwährung, die sich jenseits der bislang bekannten Währungssysteme bewegt. Die uns bekannten Währungen (Euro, Dollar, Yen etc.) werden zentral durch Banken gesteuert. Sie drucken Geld, geben Kredite, wägen auf Grund unterschiedlicher Aspekte ab, mit wem sie Geschäfte machen und verdienen Devisen durch Transaktionen und durch den Handel. Jedes Land hat eigene Finanzstrukturen und eigene Regeln. Eine Beteiligung an diesem Währungs- und Bankensystem hängt von verschiedenen subjektiven Einflüssen ab.

Bitcoins beruhen auf einem ausschließlich digitalen System im Internet. Stellen Sie sich vor, dass jede Transaktion auf der Welt von jedem Teilnehmer zu jeder Zeit transparent nachvollziehbar ist. Und dies rückwirkend bis zum Start der Währung. Jeder hat die Möglichkeit, dies auf seinem eigenen Rechner zu überprüfen. Zudem ist es mathematisch nahezu unmöglich, das System zu stören. Jede Transaktion im System ist bestätigt und korrekt. Und jeder Teilnehmer hat Kenntnis darüber.

Es gibt weder eine steuernde Zentralinstanz noch die Gefahr, dass der Markt durch das Fluten von „neuer Währung“ ins Wanken gerät. Jeder ist für sein eigenes Tun sowohl verantwortlich und es ist völlig gleich, wo auf der Welt dies geschieht und wer es tut. Es gibt schlichtweg keine Banken, aber eindeutige durch Mathematik und Kryptographie festgelegte Regeln. Alles ist dezentral und über Millionen Server verteilt. Es gibt einen festen Pool an Bitcoins, der nicht wahllos vergrößert werden kann. Daher bezeichnet man Bitcoins oft auch als “Internet-Gold”, äquivalent zu den Rohstoff-Vorkommen auf der Erde.

Der Kurs der Währung entsteht ausschließlich aus Angebot und Nachfrage und ist mit dem Blick aus der traditionellen Währungs-Brille hochspekulativ. Ein Totalverlust ist möglich!

Viele andere haben Bitcoins schon erklärt, wie der Bitcoin Blog oder gut und einfach zu lesende Fachbücher.

Wie komme ich an Bitcoins?

Auch hier nur kurz angerissen: Bitcoins liegen in einer oder mehreren persönlichen Brieftaschen („Wallets“). Dies ist ähnlich wie beim klassischen Geld. Man hat ein Portemonnaie für den Alltag und möglicherweise einen Safe für das Ersparte. Diese Wallets können entweder auf dem eigenen Rechner liegen, in einer App auf dem Smartphone stecken, bei einem Dienstleister im Netz hinterlegt sein (“Hot Wallet”) oder aber mit Bleistift und Papier oder auf einem vom Internet getrennten Stück Technik (“Cold Wallet”) in der Schreibtischschublade stecken (im übrigen die sicherste Methode!).

Spätestens bei letztem Beispiel wird der geneigte Leser das ein oder andere Fragezeichen im Kopf haben.

Bitcoins sind eben keine Währung, die irgendwo anfassbar liegt. Sie sind lediglich Anspruch auf einen Teil der im Umlauf befindlichen digitalen Coins. Diesen Anspruch macht der Inhaber deutlich, in dem er Transaktionen in seine nur ihm gehörende und nicht verwechselbare Wallet überträgt und mit einem privaten Schlüssel versieht. Die Kombination aus Wallet und privatem Schlüssel macht dann den Bitcoin Anspruch geltend.

Ist der Schlüssel futsch, so sind die Bitcoins weg. Und weg meint weg. Es ist nicht möglich, diese Coins wiederherzustellen. Auch darüber gibt es unzählige mal mehr, mal weniger amüsante Geschichten im Netz.

Es gibt unzählige Trader und Marktplätze im Netz, mit Hilfe derer Bitcoins gegen Euro erworben werden können. Dies funktioniert wie auf einem Markt. Jemand stellt Bitcoins zur Verfügung und diese können dann gekauft werden. Ist die Transaktion erfolgt, so kann man die Bitcoins in eigene Wallets übertragen. In Deutschland hat sich bitcoin.de in Kombination mit einem Konto bei der Fidor-Bank als sehr seriös durchgesetzt.

Soweit. Wenn Sie bis hierhin nichts verstanden haben, so ist das durchaus normal. Denn man braucht ein wenig länger, um das System zu verstehen und sollte die ein oder andere Quelle mehr suchen und querlesen. Dies ist auch ein Grund, warum Bitcoins bis zur aktuellen Debatte um die Preisentwicklung wenig Beachtung gefunden haben.

Visionäre sehen Bitcoins als einzige Währung, die auf Grund der mathematischen Grundlage Wirtschaftskrisen überstehen wird und in nicht allzu langer Zeit massive Bedeutung bekommen wird. Ein Indiz dafür ist vielleicht auch, dass Banken das System derzeit sehr kritisch beäugen und sich kaum an dieser Diskussion beteiligen. In vielen Fällen warnen diese auch vor dem Einsatz von Bitcoins.

Münzen: Anfassbar. Bitcoins: nicht.
Münzen: Anfassbar. Bitcoins: nicht.

Bitcoins für das Fundraising?

Und nun liest man immer häufiger, dass gemeinnützige Organisationen Bitcoins als Spende akzeptieren. Bereits vor vier Jahren fragte mich der geschätzte Kollege Till Mletzko von Wikimedia am Rande des Deutschen Fundraising Kongresses, ob ich andere Organisationen kennen würde, die Bitcoins im Einsatz hätten. Hatte ich damals aber nicht.

Jetzt habe ich aber mal ein wenig recherchiert. Durch die Snowden-Diskussionen kamen die Bitcoins noch mal auf, da Wikileaks nicht unwesentliche Summen an Unterstützung akquirieren konnte. Und auch Wikimedia weist auf die Bitcoin Spendenmöglichkeit hin. Das liegt irgendwie nahe, sind Bitcoins aktuell noch immer irgendwie „Nerdzeug“.

Ein Hauptargument für Bitcoins im Fundraising ist genau das Gegenteil von dem, was wir Fundraiser wollen: Bitcoins sind zu 100% anonym, weder einer Person noch einer Firma zuordnungsfähig. Dies ist zwar nicht ganz korrekt, aber es gibt je nach technischer Option Schwierigkeiten, sich ordentlich beim Spender zu bedanken. Keine Option zum Austellen einer Zuwendungsbestätigung. Keine Nachvollziehbarkeit. Auch ein Grund, warum Bitcoins die Währung des Darknets sind. Die Zielgruppe besitzt darüber hinaus nahezu völlig andere Spendenmuster als bisherige Spender.

Wer setzt aktuell Bitcoins ein?

Aber wie schaut es in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus? Zahlungen via Bitcoin sind im deutschsprachigen Netz verbreiteter als Spenden. Haben andere auch schon erkannt. Häufig wird der Begriff „Spenden“ auch einfach nicht korrekt eingesetzt und beispielsweise Programmierer oder Podcaster lassen sich via „Spende“ unterstützen.

Mal kurz recherchiert: Folgende irgendwie halbwegs als gemeinnützig lokalisierte Organisationen (ohne Check des Freistellungsbescheids) oder Parteien aus dem deutschsprachigen Bereich akzeptieren nach einem schnellen Überblick und mit dem Stand von heute Spenden via Bitcoin:

Amani Kinderdorf e.V. – Link
BUND Landesverband Berlin – Link
Freifunk Mönchengladbach e.V. – Link
diverse Freifunk Initiativen im Rheinland und Ruhrgebiet – Link
Jugend Eine Welt – Link
Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. – Link
netzpolitik.org – Link
Piratenpartei Augsburg – Link
Piratenpartei Schweiz – Link
Schildower Kreis – Link
Stiftung für Helfer – Link
Wikimedia Deutschland – Link
Wikileaks – Link

Tipp: Schaut immer mal wieder ins Bitcoin-Wiki. Dort sind weitere nationale und internationale Nonprofits gelistet, die Bitcoins annehmen.

Bitcoins im Fundraising: Wer macht’s?

Vermutung: Es sind die Organisationen an Bord, die entweder aus dem digitalen Umfeld kommen und sich bitcoinaffine Spender erhoffen oder aber es hat jemand innerhalb einer Organisation ein wenig Ahnung von Bitcoins und beherrscht die Administration. Es ist also aktuell nur dem Zufall überlassen, wer da tatsächlich was macht. WordPress Plugins machen die Sache durchaus einfacher.

Übrigens, es ist auch möglich, Rechnerzeit zum Bitcoin Mining zu spenden. Jetzt wird’s dann aber noch komplizierter für den Einstieg.

Meine Einschätzung: Bitcoins werden auf absehbare Zeit ein echtes Schattendasein führen. Mangels Kompetenz in den Organisationen und auch mangels echter Relevanz des Themas. Zumal letztendlich auch geprüft werden müsste, ob und inwiefern sich die betriebswirtschaftliche Investition in den Aufbau und die Bewerbung (!) der Spendenmöglichkeit wirklich rentiert. Transparenz bei den Zahlen mal völlig ausgenommen. Und ethische Diskussionen würden auch geführt werden: Von wem stammt eigentlich das Geld?

Viel Spaß beim Eintauchen in ein spannendes Themenfeld. Wir bleiben da dran. Eure Erfahrungen wären großartig. Schreibt, kommentiert und immer her mit guten und auch schlechten Beispielen.

3 COMMENTS

  1. Hi Maik, danke für den Beitrag. Wie Du schreibst, werden viele Spender keine Ahnung haben, was Bitcoins sind und haben Sie davon schon einmal gehört, geht die Assoziation wahrscheinlich, wie von Dir geschrieben, in Richtung Darknet, Volatilität etc. Folglich kann das Anbieten von Bitcoin-Spenden im Spendenformular vielleicht sogar einen negativen Effekt haben und die Abbruchquote erhöhen. Denn im Spendenformular sollte besser alles unterlassen werden, was was Zweifel, negative Assoziationen etc. hervorrufen kann… Aber wer weiß, wer es testet, ist klüger…

  2. Hi Thilo.
    Jau, da gebe ich Dir Recht. Zum einen testen. Zum anderen liegt die Antwort, ob sich ein Test überhaupt lohnt, eigentlich schon in der Zielgruppe der Org. Wie schon gesagt liegt die thematische Nähe ja schon eher im digitalen und netzpolitischen Bereich. Kaum vorstellbar, dass eine konservative Stiftung sich in absehbarer Zeit mit Wallets und Keygens beschäftigen wird.

    Maik

  3. Bitcoin Spenden sind Greenwash

    Der Bitcoin ist eine digitale Mode-Währung, die Einzelnen satte Profite, aktuell aber auch massive Verluste gebracht hat. Bitcoins “entstehen” durch Mining. Dieses Mining ist ein Vorgang bei dem große Computer ein kompliziertes mathematisch kryptographisches Rätsel lösen müssen, das hohen Einsatz von Rechenleistung und somit extrem viel Strom braucht. Die notwendige Technik in Verbindung mit maximaler Gier führen dazu, dass der Energieverbrauch explodiert. Die Bitcoin-Blase hat erstaunliche Parallelen zur Tulpenzwiebel-Hysterie im Jahr 1636, allerdings mit negativeren Folgen für die Umwelt.

    Bitcoin Spenden schaffen ein “grünes Image”

    Wie immer wenn Umwelt zerstört wird und mit Umweltzerstörung verbundene Profite gefährdet sind, wird eilig versucht den Bitcoins ein grünes Image zu geben und Greenwash zu betreiben. So steht in Foren der Bitcoin-Lobby: “Bitcoin bedroht die Energiewende nicht, es finanziert dezentrale effiziente und günstig erzeugte Energie”. Doch unser Stromverbrauch und der Energiehunger von Digitalwährungen wie Bitcoins ist immer noch gekoppelt an Atommüllproduktion, Klimawandel und Umweltzerstörung. Und nur um die Profitsucht zu bedienen müssen wir auch keine Windräder und Solaranlagen bauen. Um Bitcoins ein “grünes Image” zu geben, nutzen die Lobbyisten einen guten Trick. Sie bieten Nichtregierungsorganisationen und Umweltverbänden die Möglichkeit Bitcoin-Spenden zu erhalten und richten liebend gerne die entsprechenden Spendenseiten ein. Das Motto: “Spenden Sie für eine bessere Welt. Ein Bitcoin kann hunderten von Kindern helfen!” klingt erst mal gut. Die gemeinnützigen Organisationen hoffen auf Spenden und geben so dem Btitcoin ungewollt ein grünes Image. Doch erste NGO´s wie der BUND-Berlin haben den Zusammenhang erkannt und akzeptieren jetzt keine Bitcoin-Spenden mehr. Die Debatte hat endlich begonnen.

    Mehr kritische Infos: http://www.bund-rvso.de/bitcoin-strom-energie-verbrauch-umwelt-gier.html
    Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer, Vizepräsident Atomschutzverband TRAS

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