Als meine Kolleg*innen und ich Ende März alle ins Homeoffice geschickt wurden, war ich mir nicht sicher, ob und wie meine Arbeit weitergehen kann. Doch es ging tatsächlich weiter. Die Technik funktionierte, ich konnte entspannt frühstücken und brauchte etwa zwei Minuten zum Arbeitsplatz. Mit Freude bemerkte ich, dass die Fehlerfreundlichkeit und das Wohlwollen unter den Kolleg*innen und in der Zusammenarbeit mit Dienstleistern zugenommen hatte. Auch die Gespräche mit Fundraiser*innen aus anderen Organisationen wurden intensiver, da es plötzlich eine Vielzahl von Formaten zum fachlichen Austausch gab.

Ich habe in der Zeit viel gelernt. Seminare und Fachtage konnte ich auf Webinar umstellen und damit die Teilnehmer*innenzahl vervielfachen. Es hat sich gezeigt, dass ein Online-Format ein gutes, niedrigschwelliges Angebot für Interessierte ist. Es muss nicht gereist werden und der oftmals zeitintensive Bewilligungsprozess für eine Fortbildung fällt auch weg. Abgesehen vom fachlichen Input waren die virtuellen Veranstaltungen für alle ein groß angelegter Weiterbildungsprozess, der freudig angenommen wurde – von denen, die da waren.

Was ist mit Menschen ohne Zugang zur virtuellen Welt?

Allerdings frage ich mich, wen ich online nicht getroffen habe. Was ist mit den Menschen, die keinen Zugang zur virtuellen Welt finden? Darauf habe ich keine Antwort. Ich frage mich auch, was bei der Erleichterung darüber, dass ich trotz einer weltweiten Pandemie arbeiten kann, noch verloren gegangen ist. So wirklich wohl fühle ich mich in meinem abgeschotteten Homeoffice-Kosmos auf Dauer nämlich nicht. Was es genau ist, kann ich nicht so recht fassen.

Also habe ich mich bei Kollg*innen aus unterschiedlichen Organisationen umgehört. Sie berichten mir, das zunehmend weder sie selber noch ihre Vorgesetzten zwischen Wichtig und Unwichtig unterscheiden können. Auch Absprachen funktionieren nicht mehr reibungslos. Jede*r handelt mit besten Absichten, nur leider ohne die anderen in ihre Gedanken und Pläne einzubeziehen. Es gibt keine eingeübten Abstimmungsprozesse für die neue Arbeitssituation.

Zufällige Begegnungen sind wichtiger Bestandteil der Kommunikation

Die persönliche Begegnung ist weggefallen. Kurzer Austausch in der Teeküche, am Rand von Sitzungen oder beim Kaffee im Nachbarbüro gibt es nicht mehr. Diese zufälligen Begegnungen waren jedoch wichtiger Bestandteil der Kommunikation. Hier wurde beispielsweise im Vertrauen abgeglichen, ob Vorschläge überhaupt vernünftig waren. Menschen konnten ihre Meinung äußern, ohne dass es ein offizielles Statement in einer Sitzung war. Diesen Resonanzraum gibt es in Pandemie-Zeiten nicht.

Nun begegnen wir den Kolleg*innen in Videokonferenzen. So groß die Freude darüber auch sein mag, bekannte Gesichter zu sehen, in diesen Begegnungen geht ein Teil der nonverbalen Kommunikation verloren. Dabei machen Gestik und Mimik rund 55 Prozent der Kommunikation aus, 26 Prozent Stimme und Ton und nur 19 Prozent fallen auf den fachlichen Inhalt (siehe dazu: https://www.ifd-allensbach.de/studien-und-berichte/uebersicht.html).

80% der Kommunikation ist Körpersprache

Wenn also gut 80 Prozent der Kommunikation über die Körpersprache läuft, dann scheint mir allein schon aufgrund der Bild- und Tonqualität der Austausch mit Kolleg*innen über Videokonferenzen in einem ganz neuen Licht. Kein Wunder, dass ich oft einfach nicht verstanden habe, wovon jetzt eigentlich die Rede war. Abgesehen davon frage ich mich auch, wie Spiegelneuronen, das Resonanzsystem im menschlichen Gehirn für Gefühle und Stimmungen anderer, online funktionieren. Vielleicht gar nicht? Das würde jedenfalls erklären, aus welchem Grund ich mich in Videokonferenzen so verloren fühle (siehe Spiegelneuronen).

Rückblickend denke ich, dass ich meine Hilflosigkeit und Angst angesichts der Pandemie mit Arbeit überdeckt habe. Videokonferenzen, Webinare und Telefonate waren mir sehr willkommen. Allerdings bin ich zunehmend vereinsamt und das hat sich auf meine Arbeit ausgewirkt. Der Austausch mit Kolleg*innen fehlt mir. Andere Menschen geben mir Orientierung. Die neuen Möglichkeiten, die sich mit der Arbeit von zu Hause aus ergeben haben, begrüße ich sehr und ich hoffe, dass sie uns erhalten bleiben. Weniger Dienstreisen würden mir gut tun. Technik ist super – wir haben gemeinsam gelernt, sie für uns einzusetzen. Aber sie deckt nur einen Teil der Kommunikation ab und kann die persönliche Begegnung nicht ersetzen.

Was sind Eure Erfahrungen und Eindrücke aus dem Homeoffice?

Stephanie Neumann
Autor Stephanie Neumann

Dr. Stephanie Neumann arbeitet seit über 15 Jahren als Fundraiserin. Im Moment baut sie für die Diakonie Deutschland das Fundraising auf. Zuvor verantwortete sie das Direktmarketing des BUND e.V.. Sie hat sich an der Fundraising Akademie zur Fundraising Managerin ausbilden lassen und wurde an der Humboldt Universität im Fach Afrikawissenschaften promoviert. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und gibt Seminare/Webinare zum Thema Fundraising und Kommunikation. Zuletzt erschien ihr Ratgeber zur „Wertschätzenden Kommunikation mit Spenderinnen und Spendern“.

4 Kommentare

  1. Jona Hölderle

    Hallo Stephanie,

    ich finde den Verlust der Gestik und Mimik nicht so schlimm und hatte keine grobe Misskommunikation dadurch erlebt. Eher im Gegenteil hat die Zunahme kurzer Videobesprechungen, teils lange, unklare E-Mail-Wüsten ersetzt. Und endlich sind Telefonkonferenzen ganz ohne Mimik ausgestorben.

    Zudem finde ich den Zeitgewinn durch weniger Pendeln und Reisen sehr angenehm.

    Ähnlich wie dir geht mir aber auch die „Nebenbei“-Kommunikation ein wenig verloren. Das gilt weniger für die Menschen, mit denen man eng zusammen arbeitet, da klappt der informelle Austausch auch so. Aber für die „entfernteren“ Kolleginnen und Kollegen fehlt häufig das zufällige, scheinbar unwichtige.

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    Hallo Stephanie,

    ich habe selber zwei kleine Kinder, lebe in der Kölner Innenstadt und habe kein Arbeitszimmer und keinen Garten. Meine Homeoffice Erfahrung ist größtenteils grauenhaft und belastet. Und das spüre ich durchweg im Kontakt mit Kolleg*innen, Bekannten, Netzwerk, etc.

    Ich habe entspannte, sonnengebräunte, entschleunigte Menschen um mich rum, die den Luxus freier Zeiteinteilung, keinen Reisen, kein Pendeln etc. sehr genossen haben. Sie haben auch oft weiterhin gute bis sehr gute Arbeit abgeliefert, vermissen zwar die soz. Kontakte aber haben hinsichtlich Produktivität etc. nur wenig Einbußen erlebt.
    Und da sind die, die das Homeoffice mit Homeschooling und fehlender Kita/Großelternbetreeung etc. erleben, die mir blass, abgearbeitet, getresst begegnen und die sehr darunter leiden, keinem Anspruch gerecht zu werden.

    Viele Grüße

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    Hallo Stephanie,

    Ich finde deine Argumente sehr wichtig und glaubwürdig, daher stimme ich Dir in deinen Überlegungen voll und ganz zu.

    Immer wieder hört man, wie toll und effizient/effektiv Homeoffice doch ist. Das ist mal wieder die klassisch deutsche Wirtschaftssicht, alles zugunsten der Quote. Ich persönlich habe mich eigentlich ziemlich gelangweilt, weil ich eben nicht in meinem Eigentumsgarten sitzen konnte und das Wetter genossen habe, sondern in der Küche vor der weißen Wand.
    Meine Mutter hingegen war nun gezwungen zum ersten Mal seit knapp 20 Jahren (als sie sich um meinen Bruder und mich kümmern musste) dauerhaft von zuhause zu arbeiten. Durch die fehlende direkte Interaktion mit den Kollegen geht sie dabei total ein und verliert absolut viel Spaß an der Arbeit.

    Es ist eben alles immer zweiseitig und kritisch zu sehen.

    LG
    Pierre

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    Hallo in die Runde,

    nichts ist nur gut oder nur schlecht. Ob das Positive oder das Negative überwiegt, hängt nicht von der Sache selbst, sondern von den Menschen und ihren Bedürfnissen ab. Es gibt Personen, die arbeiten am liebsten morgens um 7 Uhr, andere abends um 19 Uhr (ich diskutiere das gerade täglich mit meinen Handwerkern aus 😉 ), es gibt Menschen, die bevorzugen ein Einzelbüro, andere lieben das quirlige Treiben im Großraumbüro, manche sind gerne selbständig, andere lieben die Sicherheit als Angestellte. Das Homeoffice gehört auch dazu. Manche kommen sehr gut zurecht, andere nicht. Warum und wieso, das ist sehr individuell und lässt sich nicht auf (alle) anderen übertragen.

    Leider gibt es oft ein „wir müssen eine Lösung für alle finden“. Dann geht es schnell darum, die anderen von den eigenen Vorlieben zu überzeugen, um Mehrheiten zu bilden. Wäre es nicht besser eine Umgebung zu schaffen, in der möglichst viele ihren Bedürfnissen gerecht arbeiten können? Also mehr Flexibilität (mit gewissen Kernbereichen). Das steigert nicht nur die Arbeitszufriedenheit, sondern entspannt auch den Umgang untereinander und schlägt sich bis ins Private wieder.

    Ist es nicht ein Geschenk, dass viele mal etwas über einen längeren Zeitraum, also voll und ganz, ausprobieren mussten und dabei eine neue Erfahrung machen konnten – sei sie gut oder schlecht? Ich würde mich freuen, wenn diejenigen, die das Homeoffice für sich entdeckt haben (und ich kenne einige, die das vorher nicht für möglich gehalten hätten), in Zukunft – zumindest teilweise – weiterhin so arbeiten dürfen. Und denjenigen, die darunter gelitten haben, wünsche ich ich, dass sie ganz schnell wieder ins Büro zurückkehren dürfen.

    Viele Grüße
    Danielle

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