Effektiver Altruismus – die nächste Ideologie?

Seit einiger Zeit schwappt ein neuer Ansatz durch den Dritten Sektor und das Fundraising – der Effektive Altruismus. Die Idee dahinter scheint recht einfach: Ressourcen sollten nur für Projekte und Programme eingesetzt werden, die einen möglichst großen Effekt bzw. Wirkung aufweisen. Alles andere sei eine Verschwendung und Fehlallokation, denn dann ist die Gesamtwirkung nicht optimal. Bei begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen scheint dieser Ansatz durchaus vernünftig. Ist es das aber auch?

Bevor ich mich mit dem Ansatz näher auseinandersetze, seien mit zwei Anmerkungen vorweg gestattet: Natürlich sollten Ressourcen effizient und effektiv eingesetzt werden. Und alle Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen sollten permanent die Wirkungen ihrer Projekte und Programme evaluieren und diese eventuell anpassen. Auch unbestritten ist, dass es Menschen gibt, denen es bei ihrem Spenden auf die effektive Mittelverwendung ankommt. Die Welt ist bunt und deshalb gibt es unterschiedliche Gebe-Logiken und Motive.

Effektive Projekte

Spricht man mit Anhängern das Effektiven Altruismus, dann wird immer wieder die Geschichte von der Entwurmung der Schulkinder erzählt. Gefragt, welche Intervention den größten Effekt bei der Versorgung von Kindern mit Bildung hat, wird gezeigt, dass durch eine flächendeckende Entwurmung viele Kinder eine Schule besuchen und besser lernen können. Entwurmung ist durch eine einfache Maßnahme – eine Kur mit Tabletten, die nur wenig kosten – möglich. Statt Schulgeld zu bezahlen und Kinder mit Schuluniformen auszustatten, kann hier mit den zur Verfügung stehenden Mittel der größte Effekt erzielt werden.

Werte als Ausgangspunkt

Ich will diesen Zusammenhang gar nicht anzweifeln. Das Problem ist aus meiner Sicht ein anderes: Mit dieser Maßnahme werden Kinder erreicht, die in Städten oder Dörfern leben und deren Eltern sich einen Schulbesuch leisten können. Was ist aber mit den Kindern, denen Eltern sich den Schulbesuch nicht leisten können? Was ist mit den Mädchen, denen weniger Ressourcen zugebilligt und damit eher vom Schulbesuch ausgeschlossen werden? Was ist mit den Kindern, die in Regionen leben, die nicht so einfach mit Tabletten versorgt werden, oder die aus anderen Gründen keinen Zugang zur medizinischen Versorgung haben? Diese Kinder fallen aus dem Blick. Sie werden unter Verweis auf die effiziente Verwendung der Ressourcen weiterhin vom Schulbesuch ausgeschlossen. Pech gehabt. Wir müssen die Mittel schließlich effizient einsetzen.

Denn der Zugang der letzten fünf Prozent der Menschheit zur medizinischen Versorgung ist eben alles andere als effizient. Denn auch hierfür gilt – sie ist pareto-optimal: Für die letzten 10% müssen 90% der Mittel aufgewandt werden. Und am Ende stellt sich die Frage: Ist es gerecht, wenn Menschen an Krankheiten leiden müssen, die für wenige Euro zu behandeln wären? Dürfen wir sie einfach ihrem Schicksal überlassen? Ich persönlich empfinde es als empörende Ungerechtigkeit, dass dies immer noch der Fall ist.

Werte im Zentrum der Zivilgesellschaft

Diese Fragen zeigen schon: In der Zivilgesellschaft geht es in erster Linie um Werte. Es geht um Gerechtigkeit, Solidarität, um körperlich Unversehrtheit und die Freiheit der Rede. Es geht um Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Es geht um den Zugang zu Kultur, Bildung und medizinischer Versorgung. Es geht um ein Leben in Würde sowie um den Umgang mit der Natur und allen anderen Geschöpfen.

Hierfür Lösungen zu finden, Projekte und Programme zu entwickeln und Veränderungen zu bewirken, ist die Aufgabe von Organisationen und Unternehmen der Zivilgesellschaft. Dafür treten sie ein. Dafür werden sie unterstützt – von Spender/innen, Ehrenamtlichen und anderen Bereitstellern von Ressourcen. Das ist alles weit weg von der Idee eine effektiven Mittelverwendung.

Ökonomie statt Werte

Damit wird auch deutlich, woraus der ideologische Kern des Effektiven Altruismus besteht: Eine Wertefrage wird umgedeutet in eine ökonomische. Die inhärenten Werte werden gar nicht mehr beachtet. Es geht am Ende nur um Effizienz und Effektivität. Effizienz und Effektivität sind Kategorien, die für Unternehmen zentral sind, denn sie versprechen den größtmöglichen Profit. Im Kern wird also eine ökonomische Logik der Zivilgesellschaft übergestülpt, ohne zu fragen, ob dieser Ansatz für sie überhaupt zielführend ist. Denn es gibt ja eine Reihe guter Gründe, warum Leistungen in unserer Gesellschaft nicht von Unternehmen erbracht und nicht über Märkte distribuiert werden.

Warum Menschen spenden

Aber es gibt noch einen zweiten Punkt, in dem der Effektive Altruismus Zivilgesellschaft nicht versteht. Die Gründe für ein (finanzielles) Engagement liegen für die meisten Menschen nicht in der Mittelverwendung der Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen. Vielmehr geht es beim Spenden um ganz andere Dinge: Es geht um Werte, um soziale Beziehungen und Netzwerke sowie manchmal auch um sozialen Status. Spenden sind – wie übrigens alle Gaben – in erster Linie symbolische Handlungen.

Menschen drücken mit ihrer Gabe aus, dass sie Werte unterstützen. Sie gehen Beziehungen mit einander ein oder – wenn sie von Menschen aufgefordert werden, mit denen sie schon eine Beziehung haben – verstärken diese. Manche setzen Spenden ein, um einen sozialen Status symbolisch einzunehmen oder weil es für Menschen mit ihrem Status einfach dazugehört zu spenden. Einige spenden offen, um Reputation zu gewinnen, andere geben etwas zurück, das sie zuvor in anderer Form erhalten haben.

Einige wenige verstehen ihre Spende als Investition. Nur dann sind sie auch an der effektiven und effizienten Verwendung ihrer Mittel interessiert.

Schaffung von Sozialkapital

Die mit dem Spenden verbundenen symbolischen Handlungen sind für den Zusammenhalt von Gesellschaften zentral. Denn in der Zivilgesellschaft wird über das Geben etwas hergestellt, was Wissenschaftler Sozialkapital nennen. Ohne Sozialkapital – darüber besteht weitgehend Einigkeit – können Gesellschaften nicht existieren. Sie würden sich auflösen und zerfallen. Und hierin besteht einer der größten Unterschiede zum Markt mit den profitorientierten Unternehmen: Märkte benötigen zum Funktionieren Sozialkapital, ohne dies selbst herstellen zu können. Denn Märkte, das zeigt ein Blick in jedes Ökonomielehrbuch, funktionieren dann am besten, wenn zwischen den Beteiligten keine Beziehungen bestehen. (Natürlich wenden jetzt die Vertriebler unter uns ein, dass sie auch Beziehungen herstellen müssen. Das bestätigt jedoch die These: Sie müssen Beziehungen herstellen, die per se nicht vorhanden sind. Mit anderen Worten: Sie schaffen erst Sozialkapital bevor sie ein Geschäft machen können.)

Effektiver Altruismus geht an der Logik der Zivilgesellschaft vorbei

Und so wird deutlich, dass der Effektive Altruismus fundamentale Logiken der Zivilgesellschaft nicht verstanden hat. Vielmehr wird ein Funktionsprinzip propagiert, das aus der Ökonomie von Unternehmen entnommen ist. Es ist für ein Funktionieren von Unternehmen zentral, läuft aber der Aufgabe einer Zivilgesellschaft – der Diskurs von Werten und das Schaffen von Sozialkapital – diametral entgegen. Und darin zeigt sich die Ideologie hinter dem Ansatz: Die Zivilgesellschaft soll dem Bild der Wirtschaft nachgebildet werden. Dass sie dabei ihren gesellschaftlichen Wert verliert, wird ausgeblendet oder billigend in Kauf genommen.

Am Ende ist es ein weiterer Versuch, schon gescheitertes neoliberales Gedankengut ein weiteres Mal aufzuwärmen und uns aufzutischen. Wir sind im Verständnis unseres Selbst schon weiter.

8 COMMENTS

  1. Lieber Kai! Erstmal besten Dank für Deinen Artikel. Bevor ich ausführlicher antworte, würde ich gerne noch ein paar Verständnisfragen stellen um sicherzugehen, dass ich nichts falsch verstanden habe:

    1. Du schreibst, dass Kinder, die durch Entwurmungstabletten die Chance haben zur Schule zu gehen, Eltern haben, die ohnehin schon genug Geld haben um ihre Kinder zur Schule zu schicken. Aber warum gehen die Kinder denn nicht auch ohne diese Intervention oder durch kostenlos zur Verfügung gestellte Schuluniformen oder Stipendien zur Schule? Aus meiner Sicht spielt Armut hier ganz klar eine Rolle. Die Eltern sind eben zu arm um ihren Kindern einen regelmäßigen Schulbesuch zu ermöglichen, weil sie sich auch elementare Dinge wie Entwurmungstabletten oder Schuluniformen nicht leisten können

    2. Wenn ich Dich richtig verstehe setzt Du die Entwurmungstabletten explizit in Kontrast zu Maßnahmen, die sich primär an Mädchen wenden. Bist Du Dir in dem Rahmen bewusst, dass das ursprüngliche Paper, aus dem dieser Vergleich stammt, die Entwurmungstabletten mit eben solchen Maßnahmen verglichen hat. Das Ergebnis war, dass Stipendien, die ausschließlich für Mädchen bestimmt waren, 50 Mal weniger Kindern einen Schulbesuch ermöglicht haben. D.h. selbst wenn man ausschließlich Mädchen unterstützen wollte, wäre es viel, viel effektiver auf Entwurmungstabletten zu setzen (https://www.povertyactionlab.org/sites/default/files/publications/2012.3.22-Deworming.pdf).

    3. Du schreibst, dass es teurer wäre, noch ärmeren Familien zu helfen. Konkret schreibst Du, dass “für die letzten 10% müssen 90% der Mittel aufgewandt werden”. Wenn ich Dich da richtig verstanden habe, wäre ich an einer Quelle interessiert.

    4. Des weiteren schreibst Du, dass Menschen an Krankheiten leiden, die für wenige Euro zu behandeln wären. Denkst Du dabei auch an Ansätze wie Entwurmungstabletten, oder geht es Dir um die teureren Maßnahmen für die noch ärmeren Familien. Wenn Letzteres, könntest Du dann bitte ein Beispiel, im Idealfall mit Quelle, für eine solche Intervention geben?

    5. Habe ich Dich richtig verstanden, dass Effektive Altruisten Deiner Meinung nach nicht wertegeleitet sind?

    6. Um ein konkretes Beispiel zu geben: Jemand fragt sich, ob er statt an UNICEF lieber an Deworm The World spenden sollte, weil er glaubt so wahrscheinlich mehr Menschen aus der Armut befreien zu können. Ist das aus Deiner Sicht keine Wertefrage, sondern eine ökonomische Frage? Wenn nein, kannst Du dann ein anderes, konkretes Beispiel für eine Frage geben, die sich Effektive Altruisten Deiner Meinung nach stellen die keine Werte- sondern eine ökonomische Frage ist?

    7. Wenn Du von Mittelverwendung der Organisation sprichst, meinst Du dann damit auch die eigentliche Wirkung der Organisation, also die Verbesserung der Lebensumstände der Zielgruppe? Wenn ja, habe ich Dich dann richtig verstanden, dass diese Wirkung als Motivation zum Spenden im Widerspruch zu Werten steht? Wenn ich Dich bei all den Wertefragen richtig verstanden habe, würde mich Deine Definition von Werten interessieren.

    • Lieber Sebastian Schwieker,
      vielen Dank für den Link zu dem Deworming-Programm.

      Wie man in dem Paper lesen kann, geht es um „school attandance“, also die Frage, wie viele Stunden Kinder und Jugendliche in der Schule verbringen. Es ist doch völlig klar, dass gesunde Kinder und Jugendliche besser lernen, gesünder aufwachsen und sich besser entwickeln. Insofern werden sie auch mehr Zeit in der Schule verbringen. Und Entwurmung ist vermutlich in den meisten Regionen, in denen Zugang zu Infrastruktur zur Verfügung steht, effizient. Es spricht also überhaupt nichts gegen Entwurmung.

      Was nicht untersucht wurde, ist die Frage nach dem Zugang zu Bildung. Denn die Tabletten wurden in Schulen verabreicht. An den Studien konnten also nur Kinder und Jugendliche teilnehmen, die zur Schule gehen konnten.

      Ich bin kein Experte für Fragen der Entwicklungspolitik, sondern kann eher etwas über Fundraising sagen. Meine Kenntnisse beziehen sich auf die Dinge, die ich in 20 Jahren von Nonprofit-Organisationen lernen durfte. Aber soweit ich es bisher verstanden habe, gibt es verschiedene Faktoren, die den Zugang zu Bildung oder auch Gesundheit beschränken. Für die Mädchen, die nicht zur Schule gehen können, weil das Geld nicht reicht, macht es sehr wohl einen Unterschied, ob sie ein Stipendium oder Schuluniformen erhalten – wenn dies die begrenzenden Faktoren sind. Und dies ist natürlich aufwendiger und kostenintensiver als eine Entwurmung, die ihnen nicht hilft, wenn das Geld für einen Schulbesuch fehlt.

      Interessanterweise zeigen die von Ihnen zitierten Studien meinen Punkt ziemlich genau. Je aufwendiger eine Maßnahme ist, desto weniger zusätzliche Schulstunden sind damit verbunden. Genau dies meint die pareto-optimale Verteilung: Um auch den letzten Kindern einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen, müssen überproportional viele Ressourcen aufgewandt werden. Genau das zeigen die Vergleiche.

      Und damit stehen Sie vor einem Werte-Konflikt, den der Ansatz des Effektiven Altruismus nonchalant übergeht: Geht es Ihnen darum, dass alle Kinder einen Zugang zu Bildung bekommen oder setzen Sie auf Entwurmung und erhöhen damit die Stunden, die Kinder und Jugendliche, die zur Schule gehen können, in der Schule verbringen? Dann akzeptieren Sie aber, dass eben einige hinten runterfallen und nicht zur Schule gehen können. Die letzten 5% haben dann halt Pech gehabt. Sie mit Bildung zu versorgen, ist zu teuer. Wollen wir uns diese Sichtweise leisten?

      Herzliche Grüße
      Kai Fischer

      • Lieber Kai Fischer!

        Nach meiner Lesart ist die klare Aussage des Poverty Action Lab, dass der Grund, warum viele Kinder in extrem armen Regionen Afrikas nicht zu Schule gehen, eben nicht ein Mangel an Schuluniformen oder Stipendien ist, sondern ein ganz grundlegender Mangel an Gesundheitsdienstleistungen. Was nützen mir Schuluniformen oder Stipendien, wenn ich mit Würmern krank daheim bleiben muss?

        So oder so muss man sich natürlich immer die Frage stellen, wem man hilft. Beim Effektiven Altruismus wird ständig die Frage gestellt, wo man mit seinen Ressourcen am meisten helfen / Leid vermeiden kann. I.d.R. führt das dazu, dass man Menschen in sehr armen Ländern bevorzugt, da diesen verhältnismäßig einfach zu helfen ist (nicht weil man diese prinzipiell bevorzugt). Es gibt sicherlich Beispiele, wo es extrem aufwendig wäre Menschen in besonderer Not zu helfen (z.B. in Kriegsgebieten). Wenn man sich aufgrund mangelnder Ressourcen dann entscheiden muss, ob man diesen, oder einer viel größeren Zahl sich ebenfalls in Not befindlichen Menschen in leichter zu erreichenden Regionen hilft, dann würden sich Effektive Altruisten, oder zumindest ich, dafür entscheiden lieber mehreren als wenigeren Menschen zu helfen, ganz egal wo sich diese befinden. Nicht zuletzt, da ich nicht wüsste, warum ich deren Leben defakto weniger Wert beimessen sollte als dem Leben anderen Menschen.

  2. Kai Fischer hat recht. Der Effektive Altruismus eignet sich nicht als allgemeiner Ansatz für eine neue Herangehensweise ans Spenden. Allerdings gibt es eine Zielgruppe, die damit besser erreichbar ist als durch wertebasierte Postulate. Es sind Leute, die in Marktkategorien denken, Altruismus unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten und sich damit durchaus bewusst außerhalb der von Fischer bevorzugten fundamentalen Logiken der Zivilgesellschaft bewegen. Durch die Reduzierung von Beziehungen und Verhaltensweisen auf Aufwand und Nutzen sind sie reich geworden. Wer an ihrem Reichtum teilnehmen will, muss ihre Motivationlage akzeptieren oder auf viel Geld verzichten.

  3. Ich verstehe, glaube ich, wie immer den Gegensatz nicht so ganz 🙂 Die Wertefrage sollte ja in jedem Ansatz am Anfang stehen. Was sehe ich, wertegetrieben als “Übel dieser Welt” an und will es beheben. Wenn ich es als größtes Problem ansehe, dass 10 % der Menschen abgehängt werden muss ich mich damit beschäftigen, wie dies zu beheben ist.

    Ich teile aber zwei Sorgen, die hier vorkommen können:
    – Vernachlässigung externer Effekte: Im Effektiven Altruismus, gibt es häufig den Ansatz eine Ursache zu behandeln, und das dann möglichst breit zu skalieren. Das kann (sic!) dazu führen, dass externe Effekte die in der jeweiligen Community auftreten nicht wirklich beachtet werden. Ein sehr radikales Beispiel ist das Thema Geburtenkontrolle, dass auch mit Unterstützung von Stiftungen in vielen Ländern propagiert wurde und öfters aus dem Ruder gelaufen ist (Schwerpunkt in bestimmten Bevölkerungsgruppen, Abtreibung von Mädchen, Zwangssterilisierungen…).

    – Vernachlässigung von sozialem Kapital: Wie von Kai angemerkt hat auch jede Form von Ehrenamt an sich den angenehmen Nebeneffekt soziale Beziehungen zu schaffen. Dies wird durch eine starke Fokussierung auf Effizienz beeinträchtigt. Wir sehen das z.B. schon jetzt im professioneller werdenden sozialen Sektor. Man muss aber dazusagen, dass insbesondere in der Entwicklungszusammenarbeit und internationalen Stiftungsarbeit, dieser Faktor auch ohne Effektiven Altruismus unter Beschuss ist.

  4. Ich denke der Ansatz des Effektiven Altruismus ist weniger gegensätzlich zur bisherigen Spenden-/Fundraisingpraxis als es der Artikel darstellt.

    – Warum Menschen spenden: Warum Menschen spenden unterliegt einem zeitlichen Wandel. Effizienzbetrachtungen werden derzeit für viele Menschen bedeutsamer, wenn es um “Werte, um soziale Beziehungen und Netzwerke sowie manchmal auch um sozialen Status” geht. Viele andere Aspekte dieser Zusammenhänge haben sich in den letzten Jahrzehnten ebenfalls gewandelt. Eben weil Spenden auch “symbolische Handlungen” sind, ergibt sich die individuelle Motivation zu spenden aus dem sozialen Kontext und kann durch neue Konzepte, wie dem Effektiven Altruismus, beeinflusst sein.

    – Werte: Der Effektive Altruismus bietet eine Orientierung in der Vielfalt des zivilgesellschaftlichen Engagements. Dabei liefert er Anhaltspunkte, um die schwere Frage zu beantworten “Wem soll ich helfen?” (und damit leider auch immer: Wem helfe ich nicht?). Sich bei der Beantwortung dieser Frage nicht nur auf Intuition, persönliche Empfehlungen usw. zu verlassen, sondern auch Effizienzabschätzungen von Aktionen zu berücksichtigen erfordert eine besonders explizite Auseinandersetzung mit den eigenen Werten. In diesem Sinne ist der Effektive Altruismus nicht in der Lage “eine ökonomische Logik der Zivilgesellschaft überzustülpen”, sondern bestimmte Teile der Zivilgesellschaft empfinden es als sinnvoll sich (unter anderem) ökonomischer Werkzeuge zu bedienen, wenn sie sich für ihre Werte einsetzen. Für Hinweise auf bessere Werkzeuge, um Aktionen zu identifieren mit denen sich die Anzahl der “empörenden Ungerechtigkeiten” in der Welt schnell reduzieren lässt, ist die EA-Community vermutlich dankbar. (Wenn ein Akteur ökonomische Werkzeuge nutzt, dann bedeutet das nicht automatisch, dass der Akteur “neoliberales Gedankengut aufwärmt” – insbesondere wenn es ein Akteur aus dem Fundraising-Bereich ist.).

    Für das gemeinsame Ziel einer besseren Welt sollten wir uns die Impulse des Effektiven Altruismus zu nutze machen. Darin liegt einerseits die Chance neue Gruppen von Menschen zum Spenden zu motivieren und verbreiteten Abwehrmechanismen gegen Spendenbereitschaft mit (relativ) “harten Zahlen” zu begegnen. Andererseits besteht für etablierte Fundraising-Akteure die Chance ihre Position zum “Effizienzgedanken” noch klarer herauszuarbeiten und ihre Strategie – falls gewünscht – mittelfristig anzupassen. Auf Seiten der EA-Forschung stellen sich zahlreiche methodische/technische Herausforderung (Systemkomplexität, Übertragbarkeit,…), die es zu überwinden gilt, wenn der Ansatz für mehr als ein paar Beispielfälle anwendbar sein soll.

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