Und jetzt alle – Ein Kommentar zum Oxfam-Skandal.

Oxfam steht am Pranger. Zu Recht. Vor zwölf und vor sieben Jahren haben Mitarbeiter wohl richtig Scheiße gebaut. Sie sollen von Hilfsbedürftigen Sex als Gegenleistung für Hilfe verlangt und „Sex-Parties” (also bitte, was hat das mit Parties zu tun???) mit eventuell Minderjährigen in einer Villa im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre veranstaltet haben – während drumherum Hundertausende ihr Leben verloren hatten und Chaos herrschte. Ein paar wenige Menschen (oder sollte ich Männer sagen?) haben damit einen Tsunami losgetreten, der jetzt die Welt der gemeinnützigen Organisationen erschüttern könnte. Damit hätten diese paar Menschen vermutlich viele Menschenleben auf dem Gewissen – denn die Leidtragenden sind jetzt wieder einmal die Ärmsten der Armen. Spenderinnen und Spender entscheiden sich gerade gegen Oxfam – die damit wohl bald die ersten Hilfsprojekte beenden müssen, wenn eben die Spenden oder auch staatliche Gelder ausbleiben. Oxfam wird weniger Hilfe in etablierten Projekten leisten können, leiden werden wieder einmal Kinder, Frauen, Männer.

Ich liebe und lebe für das Fundraising – Menschen begeistern, Gutes zu tun mit Spenden in Form von Zeit, Wissen oder Geld. Ich träume von einer Welt, in der alle Menschen allen Menschen etwas Gutes tun. In der alle morgens aufwachen und überlegen, wem sie heute wie und was Gutes tun können. Mit professionellem Fundraising zeigen wir „the joy of giving” auf – die Freude am Schenken. Organisationen leisten gute und wichtige Arbeit finanziert durch Geld-Geschenke von Menschen, die wissen, dass es richtig und gut ist zu geben. Und dass es sogar Freude macht! Viele Organisationen machen auch eine richtig ordentliche Kommunikationsarbeit und werden nicht müde aufzuzeigen, welch gute Projekte hilfsbedürftigen Menschen, Tieren, Dingen zugute kommen. Was jetzt an die Öffentlichkeit kommt – zu Recht! – und was da passiert, ist ein Drama – das diese Freude am Geben…

…hoffentlich nicht bei den Menschen trübt!

Ja, auch die Organisation Oxfam an sich hat Mist gebaut. Sie hätte offensiv und transparent mit den Fällen umgehen müssen. Sie hätte vermeiden können, dass aus den jetzt an die Öffentlichkeit kommenden Informationen ein Skandal wird. Sexuelle Belästigung oder Gewalt macht eben auch vor Organisationen nicht halt, die eigentlich gutes tun. Es braucht Prozesse und Lösungen, wie in solchen Fällen zu handeln ist und Stellen, an die sich Opfer wenden können. Ob Hollywood oder Haiti – sexuelle Übergriffe sind überall. Es ekelt mich an und ich schäme mich für diese Mit-Menschen (…oder eben -Männer – wobei es auch Übergriffe und Gewalt durch Frauen gibt).

Es geht wieder ein Ruck durch die Welt der Hilfsorganisationen. Vielleicht ein Tsunami. Und das ist gut so. Es ist verheerend zu denken, dass in der „Welt der Guten” wirklich nur Menschen mit guten Absichten arbeiten. Die gibt es – leider – überall. Das Entscheidende ist, wie die Organisationen damit umgehen und versuchen, falsches Verhalten zu vermeiden, Opfern beizustehen und Konsequenzen zu ziehen. 

Eine Chance?

In UK zieht der Skandal in diesen Tagen noch viel größere Runden als derzeit hierzulande. Dort wird auch gleich der Ruf nach mehr Investitionen laut, um genau solche Fälle verhindern oder aufdecken zu können. Das wiederum geht zulasten der so genannten „Verwaltungskosten”. Es ist ein Teufelskreis – auch hier einmal wieder. Spenderinnen und Spender erwarten von Organisationen so wenig „Unkosten” wie möglich, sie möchten am liebsten, dass 100 Prozent ihrer Spende bei den Bedürftigen direkt ankommen. Doch es bedarf eben auch Geld, um Strukturen zu schaffen, um solche Gewalt verhindern oder eben Schuldige zur Rechenschaft ziehen zu können. Macht-Missbrauch und sexuelle Gewalt gibt es – auch bei Hilfsorganisationen – nicht erst seit diesem Fall. Doch dies ist einmal wieder die Möglichkeit für alle Beteiligten, die Dinge ans Licht zu bringen, aufzuarbeiten und uns für eine bessere Zukunft zu wappnen. 

Hoffnungen

Mir bleibt zu hoffen, dass Menschen weiterhin gerne geben und schenken. Dass sie erkennen, dass Geld auch dafür notwendig ist, so etwas zu verhindern. Dass sie sehen, dass hier ein paar wenige Menschen richtigen Mist gebaut haben – darunter aber nicht weitere zigtausende Menschen leiden sollten.

Mir bleibt zu hoffen, dass Organisationen – wie übrigens auch Oxfam – richtige Wege und Mittel installiert haben, solche Taten zu verhindern und Opfern sexueller Gewalt zu helfen. Dass die Organisationen jetzt handeln und sich trauen offen auch über solche Missstände in den eigenen Reihen zu kommunizieren.

Wir sind jetzt alle gefordert. Packen wir es an!

P.S.: Mich nimmt das Thema sehr mit. Ja. Aus vielerlei Hinsicht. Drei wesentliche Aspekte: Ich fürchte darum, dass viele Menschen ihr Spendenengagement reduzieren – und damit richtig gute Projekte nicht umgesetzt werden können. Außerdem habe ich selbst eine starke emotionale Verbindung mit dem Land Haiti und seinen wunderbaren Menschen. Und am meisten leide ich mit den Opfern, die in größter Not schutzlos ausgeliefert waren.

8 COMMENTS

  1. Lieber Jan,
    stimme Dir in fast allen Punkten zu. Das Problem der Skandalvermeidung ist aber gerade bei der britischen Presse so gut wie unmöglich. Wenn solche Dinge passieren, sind sie bereits ein interner (Leitbild-)Skandal und deshalb, wenn sie an die Öffentlichkeit kommen nicht mehr aufzuhalten. OXFAM hat 2011 richtig und umfassend gehandelt, das aber 2006 unterlassen. Beides kommt nun wieder zusammen und wird zum Skandal, obwohl OXFAM sich wirklich bemühte aus meiner Sicht, das Thema gut zu managen – auch wenn es der damaligen verantwortlichen Mitarbeiterin nicht genug war – Stichwort Kosten (!!) Aber ist es einmal öffentlich braucht es aktivere Strategien als einen Rücktritt. Für mich muss eine Organisation da schnell, konsequent und Fehler eingestehend handeln. Spender werden Menschen, die Fehler öffentlich eingestehen und einen Plan haben, wie sie diese beheben eher akzeptieren als die berühmte Salamitaktik oder das Köpfe rollen lassen. Wer sich beurlauben lässt, gibt das Problem nur an andere Leute ab. Das birgt keine Lösung.

  2. Heute erreichte mich eine persönliche Nachricht, die ich hier anonym veröffentlichen darf. Ich übernehme den Original-Wortlaut:

    “Lieber Jan, eigentlich wollte ich es als Kommentar zu deinem Artikel zu Oxfam posten, aber vielleicht doch zu heikel für eine öffentliche Aussage. Darum hier als PM: Jetzt gerade ist Oxfam auf dem Radar. Aus eigener Erfahrung und aus dem Austausch mit anderen Menschen, die in der Branche tätig sind, weiss ich, dass der aktuell diskutierte Fall alles andere als eine Ausnahme ist. Das Problem ist in meiner Wahrnehmung vielschichtig. Es fehlt an unabhängigen, externen Anlaufstellen, wo solche Vorfälle ohne Angst vor Repression gemeldet werden können. Intern müssten die verschiedenen Organisationen ENDLICH Mechanismen einrichten, damit Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Und zwar unabhängig von deren Position. Bisher habe ich nämlich die Erfahrung gemacht, dass Whistleblower und Betroffene jene sind, die bestraft werden, wenn sie was sagen. Sexuelle Dienste werden sowohl intern wie auch extern als Tauschwährung gegen Arbeit oder Privilegien gehandelt, und das ist gang und gäbe. Mir selbst wurden interessante Arbeitsangebote gemacht für Sex. Meine klare Absage verhalf mir zum Ruf als “schwierige” Person und meine Vorgesetzte riet mir dringendst ab, den Typen zu melden, wenn ich weiterhin im Sektor arbeiten wollte. Wenn du bei einschlägigen Gruppen und pages reinschaust, wirst du feststellen, dass ich durchaus nicht dir einzige bin, die ein Liedchen davon singen kann. An dieser Stelle könnte ich auch von dem Typen erzählen, der behauptete, 50 zu sein, und wahrscheinlich 5-10 Jahre mehr hatte. Ein weisser Europäer mit Wohlstandsbauch, der jedes Wochenende an den von Expats frequentierten Orten rumhing, mit einer oder zwei einheimischen Mädchen, die behaupteten, letzte Woche 18 geworden zu sein. Seine gruusigen Hände auf ihrem Hintern, in aller Öffentlichkeit. Und jetzt rate mal, wer seine Karriere ruhig weiterentwickelt und wer trotz aller Versuche nicht mehr an eine Stelle gekommen ist…”

    Ich danke der Schreiberin für ihr Vertrauen.
    Ein weiteres Beispiel, dass auch die Fundraising-/Entwicklungshilfe-Branche vor massigen Herausforderungen steht!

  3. Lieber Jan, vieles, was hier in den Kommentaren steht, teile ich. Deshalb nur noch so viel: Es ist gut und wichtig, dass du deine Stimme erhebst, aber deine Worte greifen zu kurz. Wichtig ist, tief hinter das ” Gutes tun” und “tolle Projekte” zu schauen, nämlich darauf, mit welcher Haltung in der EZ zum Teil immer noch gehandelt wird: paternalistisch und übergriffig. Jede/r der/die ihren Helferimpulsen nachgibt und nachgeht, auch ein/eSpenderIn, muss sich kritisch fragen ( lassen), welches Bild des “bedürftigen” Gegenübers ihn/sie leitet. Nichts, aber auch gar nichts ist per se ” gut”, auch nicht bei allerhöchster kollektiver Anerkennung. Möglicherweise ist es ja gerade diese Überhöhung des ” Gutes tun”, die solche Auswüchse im Verborgenen ungehindert blühen lässt. Also bin ich ganz einverstanden mit deiner Conclusio: schauen wir auf uns selbst und schauen wir den anderen ordentlich auf die Finger und hinter ihre Kulissen der Gesinnung, inneren Haltung und Überzeugungen, die sie bei ihrem “Gutes tun” leiten…
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/sexuelle-gewalt-entwicklungshilfe-organisationen-in-der-kritik-a-1193668.html

  4. Es gibt leider einen viel wichtigeren Punkt. Die Engagierten bei OXFAM sehen sich seit Bekanntwerden des Skandals teils massiven und persönlichen Angriffen ausgesetzt. Ein Defizit nimmt dabei jede Hemmschwelle:

    Die Wirkung der Organisation ist immer noch weitgehend unbekannt!

    Enttäusche, Kritiker und Neider richten ihre Aggressionen daher gegen die Organisation an sich – nicht etwa ausschließlich gegen die Spitze. Ein Gefühl dafür, welche Lücke OXFAM bei einem Totalrückzug vom Markt hinterlassen würde, ist weitgehend nicht vorhanden.

    An der Stelle versagt die Kommunikation (nicht nur die Krisenkommunikation) der Organisation weitestgehend – auf Kosten ihrer Mitarbeiter und Freiwilligen.

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