Interview mit Clara West zu ihrer Dissertation über Spendermotive

Liebe Clara, du hast 2011 deine Dissertation mit dem Thema „Bestandsaufnahme der Bedeutung verschiedener Motivgruppen bei Spendern“ an der MLU Halle-Wittenberg verteidigt. Worum geht es in deiner Arbeit?


Es geht im Kern um die banale Frage, warum Menschen spenden. Für mich überraschenderweise gab es bis zu dem Zeitpunkt, wo ich mit der Arbeit begonnen haben, kaum grundlegende Forschung für den deutschen Raum und das, obwohl der Bedarf danach sowohl von (Fundraising-)praktischer als auch wissenschaftlicher Seite doch recht groß zu sein schien: Die Akquise privater Spenden hat in den letzten Jahren oder auch Jahrzehnten einen enormen Bedeutungszuwachs erlebt und die Interessen der Spender als „Stakeholder“ einer Organisation rückten dabei in den Vordergrund. Dem gegenüber waren die Spendenmotive für den deutschen Raum eben nur sehr marginal erforscht, so dass kaum Hypothesen zu den Spendenmotiven und –motivstrukturen möglich waren. Mit meiner Untersuchung  möchte ich zur Schließung dieser Lücke beitragen und habe aufgrund des Forschungsdefizits eine explorative, qualitative Methode gewählt.

Motive von SpendernWelche Methoden hast du angewendet, um die Motive des Gebens bei Spendern zu untersuchen?

Da wie gesagt kaum Hypothesen möglich waren, habe ich auf selbige verzichtet. Als Grundlage für die Entwicklung des Interviewleitfadens habe ich nur grobe Unter-Forschungsfragen zur Leitfragestellung – warum spenden Menschen? – formuliert. Der Leitfaden enthielt sowohl einen narrativen Teil, wo es den Befragten zunächst in freier Form möglich gemacht werden sollte, ihre Herkunftsgeschichte zu erzählen. Diese wurde zum Ende hin durch einige bereits etwas fokussiertere Nachfragen zum Engagement und Spenden in der Herkunftsfamilie ergänzt. Der abschließende Bilanzierungsteil sollte dazu dienen, sich einen Eindruck über das Selbstbild des Befragten machen zu können und neben der biografisch-alltagsweltlichen Betrachtungsebene eine moralische und transzendente Reflexionsebene zu eröffnen.

Insgesamt habe ich auf diese Weise 30 Spender befragt, die ich mittels eines Stichprobenplans (Variablen: Alter und Spendenthema/-ziel) ausgewählt habe. Für die Einzelauswertung wurde auf eine biografieanalytische Erhebungs- und Auswertungsmethodik zurückgegriffen, deren Ziel es ist, subjektive Relevanzen, Konsistenzregeln und Deutungsmuster in ihrem Verlauf zu rekonstruieren. Diese Methode beinhaltet auch ein zirkuläres Verfahren, mit dem man bis zum Schluss Ergebnisse noch verändern und weiterentwickeln kann. Jeder Fall wird dabei zunächst in seiner eigenen Logik rekonstruiert. Anschließend wurden alle herausgearbeiteten Merkmale und Ausprägungen in einer fallübergreifenden Synopse zusammengetragen, analysiert und eine Spendertypologie entwickelt. Darüber hinaus wurden fallübergreifende Aspekte wie Spenden in der Herkunftsfamilie oder die Herstellung von Betroffenheit anhand der Daten weitergehend beleuchtet.

Was sind – ohne deine Arbeit auf einen einzelnen Aspekt reduzieren zu wollen – die zentrale Erkenntnisse deiner Arbeit?


Neben der Spendertypologie, auf die wir ja sicher noch zu sprechen kommen, konnte ich fünf Thesen

Warum spenden Menschen, Bild: spendenbüchse/Spendendose
5 Thesen zu Spendermotiven

entwickeln,  in denen sich die zentralen Erkenntnisse widerspiegeln. Dabei handelt es sich insbesondere um diejenigen Aspekte, die die Befragten selbst – ohne danach gefragt worden zu sein – immer wieder aufbrachten und von denen man ausgehen kann, dass sie eine entscheidende Rolle beim Spenden spielen. Diese sind:

These 1: Es gibt beim Spenden spezifische Einstiegs- und Bindungsmotive: Einige Spender lassen sich situativ, beispielsweise durch einen Werbestand auf der Straße, zu einer Spende animieren. Hinter  anderen Spenden steht hingegen eine lange, gewachsene Entwicklungsgeschichte und so hingegen eine „richtige Beziehung“ zwischen dem Spender und der von ihm bevorzugten Organisation. Das Spenden erfolgt dann besonders zielgerichtet und sogar strategisch durchdacht, weil mit dem Geld ganz bestimmte Ziele unterstützt werden sollen. Bei solchen “gewachsenen” Zugängen zeigte sich auch eine aktivere Gestaltungshaltung des Spenders, der seine Spende als eigeninitiierten Prozess beschreibt, während der Spontanspender die jeweiligen äußeren, meist privaten, Anlässe in den Vordergrund rückt.

These 2: Die individuellen Spendengewohnheiten werden in hohem Maße davon bestimmt, wie mit diesem Thema in der Herkunftsfamilie des Spenders umgegangen worden ist: Besonders die dort praktizierte äußere Form, das Wann, Wo und Wie einer Spende, wurde z.T. sehr bewusst zum Bestandteil der eigenen Spendenpräferenzen. Gerade bei Spendern, die in einem kirchlichen Umfeld aufgewachsen sind, konnte man gut beobachten, wie „Geben“ im Rahmen der Kollekte quasi ritualisiert gelernt wurde. Spender haben so auch ganz allgemein eine „Norm des Gebens“ verinnerlicht, nach der man nach Möglichkeit spenden soll und nach der „Spenden“ grundsätzlich positiv zu bewerten ist

These 3: Verschiedene Hilfeformen wie Spenden, Engagement oder Nachbarschaftshilfe werden von den Spendern im Zusammenhang gesehen („auf eine Waage gelegt“) und können sich im Laufe eines Lebens substituieren, abwechseln oder ergänzen: Geld zu spenden, sich zu engagieren oder auch seinen Nachbarn zu helfen, wenn eine Notlage da ist: Das sind verschiedene Facetten desselben Gegenstands, auch wenn jeweils spezifische Motivbündel zum Tragen kommen können. Je nach z.B. individueller Sozialisation, Ressourcen oder auch aktuellen Lebensumständen bestimmt sich, welche Hilfeform gewählt wird . Allerdings werden diese unterschiedlichen Formen des Gebens in ihrer Wirksamkeit unterschiedlich bewertet.

These 4: Reden über Spenden ist tabuisiert: Spenden ist und bleibt in Deutschland Privatsache, darüber außerhalb des engsten privaten Rahmens zu reden, wird deutlich abgelehnt. Anderen direkt mitzuteilen, wie viel man für welche Organisation spendet, gilt als unangemessene Selbstdarstellung und ist analog zum Reden über Geld verpönt. Hier erfolgt auch eine explizite Abgrenzung gegenüber der US-amerikanischen Spendenkultur, der man einen extrovertierteren Umgang mit eigener Wohltätigkeit zuschreibt. Ausgenommen hiervon sind nur Prominente durch ihre Vorbildfunktion. „Tue Gutes und rede darüber“ gilt also ausschließlich für das Engagement: Hier wird – auch im direkten Vergleich – ein extrovertierter, öffentlicher Umgang mit dem eigenen  Tun sogar gut geheißen.

These 5: Es gibt derjenige etwas, der davon ausgeht, dass er etwas hat. Und: Dass er mehr hat als derjenige, dem er sein Geld gibt: Was allerdings „etwas haben“ bedeutet, hängt von der Perspektive des Spenders ab: Es geht nicht unbedingt darum, ob ich an äußeren Maßstäben gemessen etwas (bekommen) habe, sondern ob ich mich entweder grundsätzlich oder momentan „vom Leben beschenkt“ fühle. Dies schließt sowohl materiellen, aber auch immateriellen subjektiven Reichtum mit ein. Der Vergleich nach oben – also geht es mir im Vergleich zu anderen schlecht – was sich negativ auf die Spendenbereitschaft auswirkt spielt hier genauso eine Rolle, wie der Vergleich nach unten: Geben tue ich nur demjenigen etwas, der weniger als ich hat. Das Maß an spezifischer Empathie für potenzielle Empfängergruppen wird hierbei durch eigene Erlebnisse und daraus resultierende Haltungen mal direkt, mal indirekt bestimmt.

Ich fand es sehr erfrischend, dass du der, in der Spendenforschung oftmals verwendeten, Unterteilung in altruistische und egoistische Spendenmotive nicht unreflektiert folgst, sondern diese Begriffe kritisch hinterfragst, magst du einige Worte hierzu sagen?

Letztlich muss man sagen, dass die Auseinandersetzung mit dieser Dichotomie für die Arbeit selbst dann doch eher unwichtig war. Leider taucht sie in der Literatur und auch in einigen Forschungsbeiträgen immer wieder auf. Selbst wenn die jeweiligen Autoren vorsichtig mit den Begriffen umgehen und sie auch nicht-normativ definieren, so bleibt immer die Gefahr, dass man mit dieser Einteilung bei einem Werturteil stehen bleibt oder sogar der Erkenntniswert ganz auf der Strecke bleibt. Daher bin ich – vermutlich in erster Linie, um mir das selbst vor Augen zu führen (als qualitative Forscherin ist da Selbstreflektion da ohnehin unterlässlich) – in meiner Arbeit trotzdem darauf eingegangen. Ich könnte auch lapidar sagen, den Teil kann man sich beim Lesen eigentlich schenken und ist als Exkurs zu werten.  Es ist nämlich ganz banal: Geben tut man immer immanent dem Anderen und sich selbst. Die Nuancen und die Motive sind das Spannende. Und um die geht es in meiner Untersuchung.

Du leitest aus den Interviews fünf verschiedene Spendertypologien ab, welche sind dies und worin unterscheiden sich die Spender, die den jeweiligen Typologien angehören hauptsächlich?

Die kann ich hier natürlich wirklich nur verkürzt darstellen. In meiner Arbeit (Bestandsaufnahme der Bedeutung verschiedener Motivgruppen bei Spendern) sind die Typen natürlich ausführlicher dargestellt und mit einem Fallbeispiel untersetzt. Dafür habe ich immer den plakativsten Fall ausgewählt, um sie etwas mehr mit “Leben zu füllen”. Voilá, darf ich vorstellen….

Der saturierte Spender kommt aus der gesellschaftlichen Mitte. Er ist mit seinen Lebensverhältnissen zufrieden, materiell abgesichert, und gibt aus dieser Position selbst-bewusst Geld. Er „leistet“ sich sein Spenden und sieht sich dabei in der Rolle eines „Mäzens“ (d.h. „der Starke hilft den Schwachen“ verbunden mit dem Selbstbild als „Starker“). Spenden ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, wenn er es sich leisten kann.

Der pragmatische Aktivist sieht seine Spende als Investition in die Zukunft und als

Warum spenden Menschen? Bild: Jesus made me do it
5 Spendertypologien

Mittel der politischen Einflussnahme, indem er damit eine bestimmte Person oder Gruppe mit der er sich identifizieren kann, damit gezielt unterstützt. Im Gegensatz zum saturierten Spender spielt die eigene materielle Absicherung eine untergeordnetere Rolle. Ausgangspunkt ist eher die wahrgenommene Notwendigkeit des eigenen Handelns. Er ist in der Regel auch ehrenamtlich engagiert, und setzt sich auch mit Zeit und Arbeit aktiv für seine Ziele ein. Die Spende ist in diesem Rahmen als Zusatz zum direkten Einsatz und nicht getrennt zu sehen.

Der Kompensierende kompensiert mit seiner Spendenhandlung (bzw. seinem Engagement) eine negative bzw. pessimistische Haltung. Er hat ein eher pessimistisches oder ambivalentes Welt- und Menschenbild, schreibt seiner Spende aber eine hohe Wirksamkeit und sich selbst eine hohe Einflussmöglichkeit zu. Sein Motto könnte sein: „Wenn ich nichts tue, tut keiner was“. Um etwas verändern zu können, empfiehlt sich aus seiner Sicht ein strategischer und zielgerichteter Einsatz der eigenen Ressourcen.

Der Emotionale spendet einfach gesagt „aus dem Bauch heraus“: Spenden gehört zwar grundsätzlich für ihn dazu, d.h. er spendet, weil es aus seiner Sicht „alle“ machen, aber entwickelt kein eigenes, bewusstes Konzept, wo er sein Geld einsetzen möchte. Er spendet, wenn sich in der für ihn zeitlich und thematisch passenden Situation etwas ergibt – als Reaktion auf emotionale Anreize (z.B. Schreckensbilder) und befriedigt so sein Bedürfnis etwas abzugeben. Dabei spielen aktuelle, persönliche Ereignisse, die in seinem Privatleben relevant sind und ihn emotional berühren als Auslöser und Verstärker eine wichtige Rolle.

Der Enttäuschte hat wie der Kompensierende ein pessimistisches Welt- und Menschenbild, formuliert aber deutlich schwächere bzw. negativere Erwartungen an seine eigene Selbstwirksamkeit was Spenden oder auch Engagement anbetrifft. Dies wird einhergehend mit erlebten Enttäuschungen und negativen Erfahrungen geschildert. Er ringt immer wieder mit sich um die Frage, inwiefern es überhaupt individuell möglich ist, etwas zu verändern. Die Spende wird eher mit Vorsicht getätigt und die Spendentätigkeit ist insgesamt eher diskontinuierlich. Er befindet sich also immer wieder auf der Grenze zum Nichtspenden.

Was können Non Profit Organisationen aus deiner Arbeit für das praktische Fundraising lernen? 


Da könnte ich mir es jetzt sehr einfach machen und sagen: Garnichts, denn es handelt sich ja um Grundlagenforschung. Im Ernst, direkte Schlüsse für konkrete Akquisevorhaben kann man eigentlich seriöserweise nicht ziehen. Vielmehr besteht die Möglichkeit, aus den Ergebnisse eigene Indikatoren für die Befragung einer bestimmten Spenderklientel abzuleiten.  Ich kann nicht also nicht valide sagen, ob z.B. der “pragmatische Aktivist” ein typischer Umweltspender ist und für welche Organisation er spendet. Aber es wäre z.B. bestimmte Verhaltensmuster und Dispositionen in der eigenen Spenderklientel zu überprüfen. Oder vielleicht quantitativ  zu erheben, wie sich die Spendertypen in bestimmten Spenderklientelen widerspiegeln.

Also im Klartext: Das Ganze ist vor allem interessant für die “Marktforschung”. Dabei bringen die Ergebnisse mehr dem Praktiker etwas, der auf langfristige und tiefergehende Spenderbindungen setzt.  Doris Felbinger (Fundraiserin der ÜberLeben – Stiftung für Folteropfer) und ich haben mal gemeinsam aus der ganz praktischen Perspektive – mit den Erkenntnissen der Arbeit – Vorschläge gemacht, wie man da herangehen kann und die in einem Beitrag im “Handbuch Finanzen für den sozialen Bereich” erschienen sind. Auf diesen Beitrag verweise ich last but not least alle interessierten Praktiker und bedanken mich ganz herzlich für das freundliche Interview.

Liebe Clara, ich danke Dir!



Download der kompletten Dissertation Spendermotive

8 COMMENTS

  1. Ein erster und sehr schneller Blick über die Dissertation bringt nach dem ersten Impuls der Freude über ein neues Stück Forschung einige Fragen auf:

    Auf Seite 32 wird von einer „ganzheitlichen“ Betrachtungsweise geschrieben. Da klingen mir doch gleich die Glöckchen im Kopf. Ist dies doch nicht selten ein Indiz dafür, sich einem möglicherweise komplexen Thema nicht komplex nähern zu müssen, sondern „explorativ“ vorgehen zu dürfen.

    Es werden auf Seite 57 viele mögliche Motive von Spendern genannt. Diese decken sich durchaus mit meinen Erfahrungen im Praxisfeld. Warum nutzt die Autorin diese Ressource nicht, um Theoriebildung zu betreiben.

    Wenn die Autorin zu Recht darauf hinweist, dass das Spendenverhalten durch monokausale Ansätze nicht zu klären ist (S. 78), dann stellt sich mir die Frage, warum dann der explorative Ansatz gewählt wurde. Denn u.a. durch explorative Ansätze wurden ja viele Ideen bereits generiert. Alternativ wäre ja auch denkbar gewesen, das vorhandene Material möglicherweise einer (statistisch anspruchsvollen) multivatiaten Analyse zu unterziehen.

    Eine Studie ist – alte Soziologenweisheit – maximal so gut, wie die ihr zugrunde liegende Auswahl der Untersuchungspersonen. Und da sehe ich große Probleme bei der Auswahl der 30 Befragten. Denn die geschah nicht besonders „explorativ“, sondern sehr pragmatisch.

     Es wird immer wieder auf eine „Repräsentativität“ der Ausgewählten gesetzt. Diese wird anhand soziodemografischer Faktoren bestimmt. Damit geschieht bereits Theoriebildung, denn die dahinter liegende Theorie besagt, dass die genannten Faktoren spendenentscheidend sein könnten. Hier: Alter, Geschlecht, Ost-West. Die genannte Offenheit, der explorative Ansatz wird damit etwas ad absurdum geführt.

     Warum soll der Nord-Süd-Unterschied keine Rolle spielen? Die Autorin erwähnt ihn, sieht ihn aber durch das Einkommensgefälle erklärt und ignoriert ihn ab dann. Woher stammt diese Erkenntnis? Hier wird sehr locker passend gemacht, was vielleicht nicht passt. Die Befragten kommen aus einer großstädtischen Region – welche Rolle spielt das?

     Von den 30 Befragten sind 15 evangelisch, 2 katholisch und 13 konfessionslos. Dies ist eine sehr starke Verzerrung der Stichprobe. Insbesondere, wenn die konfessionellen Prägungen, wie oft angenommen, eine wichtige Rolle spielen – auch die konfessionellen Unterschiede. Insbesondere bei der älteren – und spendenaffinen – Spenderschaft ist hier ein starker Beweggrund anzunehmen.

     Die Auswahl der Altersgruppen und eine Gleichverteilung innerhalb der Gruppen ist nicht nachvollziehbar. 14-29, 30-49 und 50+ sind die Kategorien. Aus meiner Sicht (und ich habe Soziologie der Lebensalter studiert), ist diese Altersgruppierung völlig untauglich, um Spendertypen zu bilden. Für sehr viele Personen fängt das Spendenalter, das spendenfähige Alter, erst mit Mitte 40 an und entwickelt sich dann nochmals sehr differenziert.
    Welchen Erkenntnisgewinn haben wir, wenn 1/3 der Befragten einer Gruppe angehören, welche praktisch nicht spendet? Da hätte man auch die Meerschweinchen in einer Berliner Zoohandlung befragen können.
    50+ ist eine in keiner Weise einheitliche Alterskohorte. Wir haben wir Geburtsjahrgänge von ca. 1920-1960. Das sind real 40 Jahre, in welchen ganze Weltreiche vergingen! 50jährige, 60jährige, 70jährige und 80jährige unterscheiden sich in ihrer Biografie, ihren Prägungen, ihrem Ausgabenverhalten, ihrem Lebensstil gravierend!

     Spender werden als Individuen betrachtet. Wo ist der familiäre Kontext? Meine Erfahrung aus der Praxis sagt mir, dass Spenden oft als familiäre Entscheidung getroffen werden, unterschiedliche Verantwortlichkeiten bei (Ehe-)partnern sichtbar sind. Oder habe ich dies in der Eile überlesen?

     Der Auswahl von zu befragenden Personen über Non-Profit-Organisationen (S. 88) bringt natürlich eine gravierende Verzerrung mit sich. Denn wen werden Hauptamtliche wohl auswählen? Personen, welche persönlich bekannt sind, welche eine gewisse Eloquenz haben und „angenehm“ sind. Sie wählen Personen, von denen sie ein gutes Antwortverhalten erwarten. Damit ist eine gravierender Bias in der qualitativen Stichprobe vorhanden, der nicht hinterfragt wird.

     Dann kommt noch dazu, dass Befragte selber noch weitere Personen nennen konnten, falls über die NGO keine ausreichende Befragtenzahl kam. Welche Verzerrung geschieht hier?

     Betrachte ich mir die genannten Schulabschlüsse der Befragten, dann sehe ich 1 Hauptschulabschluss, 4 Berufsausbildungen, 15 Hochschulabschlüsse und 4 Promotionen.
    Für welchen Teil der Bevölkerung soll denn das bitte repräsentativ sein? Bis Mitte der 60er Jahre war der Volksschulabschluss in weiten Teilen der Bundesrepublik der bestimmende Schulabschluss. Und hier ist er mit 3% bzw. incl. derjenigen mit Berufsausbildung 20% sichtbar.

    Nein, weiter bringt uns diese Studie nicht. Sie bringt wieder einige Spendertypisierungen mehr und damit war es dann auch gewesen. Wo bleiben denn nun die Hypothesen, welche für künftige Forschung handlungsleitend sein könnten?

    Der Flickenteppich wird größer. Ich warte noch immer auf eine, theoretisch durch forschungsleitende Hypothesen fundierte, empirische Studie zu Spendermotiven. Eine Studie, welche sich nicht in Kreuztabellen und Vermutungen erschöpft, sondern empirisch fundierte Idealtypen von Spenden präsentiert. Solch eine Studie muss dann aber multivatiate Auswertungen fahren und bedarf entsprechender statistischer Fähigkeiten.

    • Warum negieren Sie ihre scheinbar solide akademische Ausbildung, breite Allgemeinbildung und Praxiserfahrung denn mit dem rhetorischen Meerschweinchen-Argument? Das haben Sie doch sicherlich gar nicht nötig!

  2. Sehr geehrter Herr Dörfner,

    besten Dank für Ihre Anmerkungen.
    Eine explorative Studie ist und bleibt immer – wie der Name schon sagt – explorativ. Die Frage ist m.E.: Welche Zielstellung verfolgt ein Forschungsvorhaben? Welche Ansprüche werden vorab formuliert? Wenn man mit einem breiten Fokus an die Sache herangehen möchte, dann bleibt die Aufnahme letztlich zwangsläufig immer unscharf. Ich habe mich aber bewusst für diesen breiten Fokus entschieden und dabei auch bewusst die mangelnde Tiefe in Kauf genommen – dies habe ich an mehreren Punkten in der Arbeit (3.4 und 5.3.4) reflektiert und selbst genau auf diesen Widerspruch hingewiesen.

    Wenn Sie sagen, dass schon “viele Ideen” generiert wurden, da die man anknüpfen könnte, dann wäre es sehr hilfreich, wenn Sie diese konkret benennen würden. Auch hier würde ich Ihnen sogar – ohne konkret zu wissen, welche Ansätze oder Untersuchungen Sie meinen – Recht geben, dass es “Ideen” gibt, diese sich aber ausschnitthaft dem Gegenstand nähern (siehe Kapitel 3). Insofern komme ich in meiner Arbeit zu der Schlussfolgerung, dass diese “Ideen” sehr spannend, aber eben nicht ausreichend sind, sich einem Überblick über das Gesamtsspektrum in Form einer Hypothese zu nähern. Daraus ergibt sich logischerweise, dass eine explorative Herangehensweise an den Forschungsgegenstand erforderlich war.

    Was die Auswahl der Befragten anbetrifft: Selbstverständlich liegt dem Stichprobenplan auch ein pragmatischer Aspekt zu Grunde. Alternativ hätte man konsequenterweise nur eine quantitative Untersuchung in Betracht ziehen können – denn qualitative Untersuchungen werden nun mal nicht dadurch besser, dass man mehr Leute befragt. Ob die konkrete Form der Auswahl an der Validität der Untersuchung zweifeln lassen, darüber kann man sicherlich streiten. Wie Sie aber im Methodenkapitel nachlesen können, habe ich (analog Grounded Theory) so lange – und auch darüber hinaus – befragt, bis sich eine Merkmals- und Ausprägungssättigung eingestellt hat. Ich gebe Ihnen also Recht: Eine “Repräsentativierung” der Daten über einen Stichprobenplan wäre ein sinnloses Unterfangen gewesen. Aber auch eine nachträgliche Analyse der Ergebnisse anhand der Auswahlkriterien kann daher höchstens in Form von Hypothesen möglich sein und trägt in diesem Rahmen nur begrenzt zum Erkenntnisgewinn bei.

    Grundsätzlich kann man also für alle Punkte sagen, Sie treffen damit ins Schwarze. So sind die von Ihnen genannten Aspekte alle für sich eine Untersuchung wert und würden vermutlich relevante Ergebnisse liefern. Aber die Ansprüche, die Sie an meine Arbeit stellen, können insbesondere deshalb nicht erfüllt werden, weil Sie nicht mit der Zielstellung derselben korrespondieren. Sie widersprechen sich aber auch nicht, im besten Falle ergänzen sie sich. Insofern bieten Ihre Punkte hervorragende Anstöße für weitere Projekte, z.B. in Hinblick auf die weitere Theoriebildung, die mittels der Daten möglich sein könnte oder auch für die möglichen Anhaltspunkte für die Praxis. Gerne stehe ich für einen Austausch in diesem Sinne zur Verfügung.

    Beste Grüße

    Clara West

    • Sehr geehrte Frau West,

      das Interview über Ihre Dissertationsergebnisse hat bei Interesse nach mehr geweckt – Vielen Dank dafür!

      Gern würde ich auch Ihren genannten Beitrag “…Doris Felbinger und ich haben mal gemeinsam aus der ganz praktischen Perspektive – mit den Erkenntnissen der Arbeit – Vorschläge gemacht, wie man da herangehen kann und die in einem Beitrag im “Handbuch Finanzen für den sozialen Bereich” erschienen sind. Auf diesen Beitrag verweise ich…” lesen und konnte diesen leider nicht im Handbuch finden.

      Könnten Sie mir weiterhelfen? Vielleicht habe ich dieses Update beim Handbuch verpasst?

      Herzlichst,
      Ihre Antje Schwesig

      • Sehr geehrte Frau Schwesig,
        die Veröffentlichung ist schon ein wenig her (2010), der erste Teil kam mit der Lieferung im Sommer, der zweite ungefähr im Herbst mit der darauffolgenden Lieferung. Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter?
        Mit freundlichen Grüßen
        Clara West

        Titel:

        „Zielgruppenanalyse als Grundlage für erfolgreiches Relationship-Fundraising“, in:
        „Arbeitshandbuch Finanzen für den sozialen Bereich“, Hrsg.: Paritätischer Wohlfahrtsverband,
        Paritätische Akademie und Spendwerk, Dashöfer-Verlag, Hamburg
        2010

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