Interviews

Seedmoney – Geld für den Fundraisingaufbau

Der Begriff „Seedmoney“ taucht im Bezug auf das Fundraising immer mal wieder auf. Aber so genau weiß auch der gewiefte Fundraiser nichts damit anzufangen. Maik Meid konnte über diesen Begriff mit Wiebke Doktor sprechen. Für sie ist Seedmoney kein unbekanntes Thema und sie bringt im Interview Licht ins Dunkel. Wiebke Doktor ist Theaterwissenschaftlerin M.A. und Fundraising-Managerin (FA). Sie ist Geschäftsführerin der Agentur fundamente in Duisburg und spezialisiert auf den Auf- und Ausbau von Fundraising in gemeinnützigen Organisationen.

Wiebke Doktor
Wiebke Doktor (C) fundamente.net

Maik: „Wiebke, als wir uns das letzte Mal getroffen, sprachst du mich von der Seite an, ob ich schon mal was von Seedmoney gehört hätte. Bevor ich mir falsche Gedanken machen konnte, um was es sich dabei handeln könnte, dachte ich mir, Du könntest direkt mal Licht ins Dunkle bringen.“

Wiebke: „Seedmoney taucht im Rahmen des Aufbaus von Fundraising auf. Denn viele Organisation tun sich schwer, in den Start von Fundraising zu investieren.“

Maik: „Du sprichst von der üblichen Initialisierungsenergie und dem Willen, überhaupt loszulegen? Aber wenn ich es denn tun will, dann habe ich doch in der Regel eine Idee, wie ich es tun kann, oder?“

Wiebke: „Meiner Erfahrung nach ist es vielen Organisationen neu, dass eine Strategie erst einmal Kosten verursacht. Die Erwartungshaltung im Fundraising ist: Das soll mir doch Geld bringen, warum kostet das denn was?“

Maik: „Ist das nicht der Stand von vor circa 15 Jahren, als sich Fundraising  in Deutschland zum ersten Mal tiefer gehend etablierte? Sind wir da nicht bereits weiter?“

Wiebke: „Das kommt sehr auf die Organisation an. Gerade Organisationen, die Fundraising höchstens nebenbei als Teil einer Personalstelle betrieben haben, müssen die Hürde überspringen und jetzt richtig investieren, um auch das entsprechende Ergebnis zu erzielen. Denn die finanziellen Fundraisingziele werden von Jahr zu Jahr höher.“

Maik: „Okay, wenn aber der externe Finanzierungsengel nicht vorhanden ist, dann wird es mit Spenden für den Overhead schwierig, weil es in den meisten Fällen nicht satzungskonform ist.“

Wiebke: „Richtig, das heißt, ich muss in meiner Organisation alle Projekte und den allgemeinen Haushalt auf den Prüfstand stellen. Und dann entscheiden, welche Projekte verstärkt über Spenden finanziert werden, um Mittel für den Overhead freizubekommen. Oder aber auch mal zu überlegen, etwas sein zu lassen, um professionelles und nachhaltiges Fundraising zu betreiben.“

Maik: „‚Etwas sein zu lassen‘ klingt aus meiner Sicht naiv! Vielleicht nicht aus der Sicht eines Fundraisers, aber ganz bestimmt aus Sicht eines Vorstands, der von der eigenen Arbeit der Organisation sehr überzeugt ist.“

Wiebke: „Ich spreche auch nicht von Projekten, die dem Zweck des Vereins entsprechen, sondern für Mittel die zum Beispiel ins Marketing oder ins bisherige Fundraising gehen. Hier ist manches liebe Gewohnheit und nicht immer effektiv. Da könnte Fundraising verstanden als Beziehungsmarketing besser Effekte haben. Dafür muss man Bekanntes loslassen und Neues wagen.  Aber diese Art von Veränderungsprozessen fällt gerade Vorständen häufig schwer.“

Maik: „Also ist ‚Seedmoney‘ kein Geld, was zusätzlich akquiriert wird, sondern vielmehr schon längst vorhandenes Kapital. Der Samen eben, wie der Schatz beim Fundraising?“

Kassensturz
Kassensturz notwendig (CC BY 2.0 Maik Meid)

Wiebke: „Ja und nein. Seedmoney kann dieses freigesetzte Kapital sein. Seedmoney wird aber aktiv akquiriert. Das benötigt auch ein Umdenken von Stiftungen und Fördermittelgebern. Es wird nicht in ein konkretes Projekt investiert, sondern in den Aufbau von Fundraising, um dann langfristig viele Förderprojekte umzusetzen.“

Maik: „Also ganz klassische Sozialarbeit für’s Fundraising: Hilfe zur Selbsthilfe!“

Wiebke: „Richtig!“

Maik: „Aber wer macht sowas? Wo finde ich diese Geber?

Wiebke: „Im allerengsten Kreis der Unterstützer bzw. in Personenkreisen, die es gewohnt sind in Investitionen zu denken. Es ist nicht die klassische Spenderin ‚Oma Ilse‘. Typisch für dieses Denken ist das Modell von „Venture Philanthopy“ zu deutsch soviel wie „Soziale Investition“.  Hier wird in die Idee, aber auch in den Aufbau von Strukturen einer Organisation oder eines Projektes investiert. Das tun Privatpersonen, Unternehmen und Stiftungen, die besonderen Wert auf eine möglichst effektive Förderung legen.  Bei der Öffentlichen Hand wäre dies vergleichbar mit einer institutionellen Förderung im Gegensatz zu der zunehmend verbreiteten und sehr aufwendigen Projektförderung.“

Maik: „Von welchen konkreten Erfolgen kannst du berichten?“

Wiebke: „Wir haben mit der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren (BuVe) das Projekt SaatGut aufgelegt. Dies beinhaltet eine Fundraising-Schulung von soziokulturellen Zentren sowie ein nachfolgendes 10-monatiges Coaching vor Ort. Es werden individuelle Konzepte vor Ort entwickelt und mit Hilfe des Coaches umgesetzt. Die Entwicklung von SaatGut wurde finanziert vom Fonds Soziokultur. Die haben verstanden, wie wichtig es ist, dass Zentren Fundraising aufbauen, um sich langfristig selbst zu tragen.“

Maik: „Sind solche Modelle aus Deiner Sicht ein wirklich relevanter Markt für die Zukunft oder sind es in Deutschland eher noch Zufallstreffer und spielen nur eine geringe Bedeutung?“

Wiebke: „Langfristig gesehen werden sich gemeinnützige Organisationen nur halten können, wenn sie ein gutes strategisches Fundraising haben. Es ist überlebenswichtig, hier hinein zu investieren. Langfristig werden auch Unterstützer und Fördermittelgeber einsehen müssen, dass es am wirkungsvollsten ist, wenn ihre Unterstützung nicht nur ein einzelnes Projekt sondern immer auch den Aufbau von Fundraising fördert.“

Maik: „Das bedeutet aber auch ein Umdenken bei Fundraiserinnen und Fundraisern. Ist das ein Appell an die Fundraising-Ausbildungsgänge und den Deutschen Fundraising Verband?“

Wiebke: „Es ist ein Appell an den Fundraising-Verband, bei Fördermittelgebern und in der Öffentlichkeit zu einem Umdenken beizutragen. Stichwort Verwaltungskosten.“

Maik: „Stichwort Projekt ‚Ich bin Overhead‘!“

Wiebke: „Genau. Aber Fundraisinginvestitionen sind keine klassischen Verwaltungsausgaben sondern Kapital für Entwicklung. Sie machen eben mehr möglich als Stromkosten und Büromiete.“

Maik: „Okay, zusammenfassend: Was sind die ersten Schritte für eine Organisation, wenn ich an Seedmoney gelangen möchte?“

Wiebke: „1. Kassensturz, das bedeutet das Auflisten aller Projektkosten, aller Verwaltungskosten und sonstiger Kosten nach Maßnahmen. 2. Schauen, ob man umschichten kann. Gibt es bereits jetzt Möglichkeiten, Mittel für Fundraising freizuschaufeln? 3. Darstellung des eigenen Gebermarktes, Identifikation von Personen, die investieren könnten oder würden. 4. Türöffner suchen, die dieses Anliegen verstehen und letztens professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Maik: „Liebe Wiebke, ich habe wieder was gelernt. Vielen Dank.“

Wiebke: „Gerne gerne.“

Maik Meid
Autor Maik Meid

Ruhrgebietskind. Jg. 1976, lebt in Hattingen, freiberuflicher Fundraising-Manager (FA). Seit >20 Jahren für Nonprofits tätig. Unterstützer für Fundraising und digitale Kommunikation und Fotograf. Studienleiter an der Fundraising Akademie. Begleitet Nonprofits durch den digitalen Dschungel. Macht das Fundraising Radio.

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