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Rant: Spendensammeln ist kein Fundraising!

<RANT>

Oh mannomannomann. Unzufriedenheit bis unter die Krampe. Wobei, einfach mal in richtigem Deutsch:

Boah, so langsam werd ich echt sauer.

Vor einigen Tagen durfte ich erneut an einer Veranstaltung unserer kleinen Fundraisingszene teilnehmen. Macht man ja mal. Und immer wieder. Obwohl man häufig nach Hause geht und denkt, dass man sich den Input hätte schenken können. Okay, diese Netzwerk- und Fortbildungsveranstaltungen haben eben den Charakter, dass sie zum Netzwerken UND zum Fortbilden sein sollten. Und beides geht eben nicht. Das kennt schon der erziehende Vater von zwei Kindern.
Für mich steht jetzt spätestens jetzt fest: Netzwerken gerne, aber Fortbildung nur, wenn man auch wirklich was lernen kann.

Unzufrieden (CC BY-SA 2.0) Lobostudio at flickr
(CC BY-SA 2.0) Lobostudio at flickr

Was ist passiert?

Auf einer morgendlichen Veranstaltung stellte eine Fundraising-Kollegin eine furchtbar erfolgreiche „Fundraising-Kampagne“ vor. Und hier beginnt schon der eigentliche Trugschluss. Das, worüber die Kollegin berichtete war gar kein Fundraising, sondern vielmehr ein sehr erfolgreiches Spendensammeln. Aber eben kein Fundraising. IMHO und auch aus der Sicht derer, die zurecht immer wieder eine flächendeckende Ausbildung im Fundraising fordern und durchführen ist Fundraising immer auf Langfristigkeit und vor allem auf die Strategie (<– hallo, wichtiges Wort!!) ausgelegt. Und ohne Konzeption auch kein Fundraising!

Wenn dann auf der Präsentation unter „Strategie“ aber lediglich eine Auflistung von Instrumenten folgt (die üblichen Verdächtigen), so ist das auch keine Strategie. Insbesondere dann, wenn drei Viertel des Publikums ausschließlich aus Fundraising-Laien besteht, die diese vermeintlichen Lehrsätze als besonders lehrreich mitschreiben. („Nehmen Sie Kontakt zu den Medien auf!“)

Rückfrage: „Ihr Bereich ist ja sehr technikorientiert und bestimmt auch sehr QM-lastig. Wie sichern Sie Ihre Prozesse, um eine Langfristigkeit zu gewährleisten und dafür zu sorgen, dass ein potentieller Nachfolger nicht wieder bei Null anfängt?“
Antwort: „Gar nicht. QM weiß gar nicht, was Fundraising ist.“

Rückfrage: „Was ist denn jetzt insgesamt bei rumgekommen? Haben Sie mal auf den symbolischen Rechenknopf gedrückt und können Sie was dazu sagen?“
Antwort (außer der Nennung der obligatorisch eingegangenen Spendensumme): „Wie meinen Sie das?“

Rückfrage: „Welche Kennzahlen haben Sie denn erhoben? Was haben Sie regelmäßig gemessen und was nach entsprechenden Aktionen?“
Antwort: „Da habe ich doch keine Zeit für.“

Jaja, werdet Ihr jetzt in den Kommentaren schreiben. Willkommen in der Realität. Deine Ansprüche sind zu hoch. Du denkst zu weit nach oben. Das ist alles zu sehr akademisch. Geh doch mal in die Organisationen, die sehen das nicht so. Da geht es doch eh nur um das eine. Die wollen die Kohle sehen, schöne Theorie hin oder her.

Katze will Blut

NEIN! – das stimmt nicht.

Erstens gibt es, gerade bei „den Großen“ und auch bei etlichen „Kleinen“ hervorragende Ansätze und das Selbstverständnis, dass ohne Messen eben nichts geht. Und zum anderen hat Fundraising in Deutschland ohne QM und ohne Wirksamkeitsnachweise und ohne dafür notwendige Messsysteme keine Zukunft. Das aus dem oben genannten Input ist doch wie mit einer Schrotflinte. Schießen und schauen, was hängen bleibt. Vielleicht mal sinnvoll im Kleinen, ja von mir aus. Aber sicherlich nicht, um eine Kampagne mit Millionenziel zu starten.

Und, um eine Sache klarzustellen. Ich gönne den Erfolg von Herzen. Wirklich. Toll, wenn jemand die Begabung hat, sich innerhalb kurzer Zeit in eine sehr komplexe Thematik einzuarbeiten und dabei immer zu betonen, von Fundraising eigentlich keine Ahnung zu haben. Und außerdem war das auch noch ein tolles und unterstützenswertes Thema.

Aber dass es eben nicht um Fundraising geht zeigt allein schon die Tatsache, dass der Träger des besprochenen Projekts nach Weggang der Fundraiserin auch kein Interesse hat, die Stelle wiederzubesetzen. Das Projekt ist ja finanziert. (Der Fundraiser bricht spätestens jetzt endgültig zusammen.)

Was mich aber wirklich irritiert ist, dass eines der vorgestellten Projekte vor gar nicht allzu langer Zeit mit einem sehr renommierten Fundraisingpreis im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet wurde. Nach welchen Kriterien wird dort eigentlich gemessen und anschließend prämiert?

Persönliche Konsequenzen für mich?

Entweder runter mit dem Niveau und anpassen. Oder weiter moppern? Oder ranten? Oder Fische verkaufen? Ich weiß es noch nicht.

</RANT>

Und jetzt sind wir alle wieder lieb…. Auf welche Veranstaltung wollte ich doch demnächst noch?
Sehen wir uns?

Schöne Restwoche.

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Maik Meid
Autor Maik Meid

Ruhrgebietskind. Jg. 1976, lebt in Hattingen, freiberuflicher Fundraising-Manager (FA). Seit >20 Jahren für Nonprofits tätig. Unterstützer für Fundraising und digitale Kommunikation und Fotograf. Studienleiter an der Fundraising Akademie. Begleitet Nonprofits durch den digitalen Dschungel. Macht das Fundraising Radio.

9 Kommentare

  1. Avatar

    Lieber Maik, wie recht Du doch hast. Dass Fundraising etwas mit einer längerfristigen Perspektive zu tun hat, wird nur zu oft vergessen. Die Unterscheidung zur Projektfinanzierung, bei welcher Fundraising-Instrumente zum Einsatz kommen, täte gut. Doch welche (externen) Berater beraten denn unter einem längerfristig angelegten Ansatz … damit fängt das Dilemma ja oft schon an. Danke für den Impuls!

  2. Avatar

    Maik, meine Erfahrungen sind ja eher umgekehrt. Es gibt ganz viel Strategie, ganz viele Planung und den hohen Wunsch nach Planbarkeit. 1000 wissenschaftliche Methoden zu bedenken, komplexe Wirkzusammenhänge, multiple Feedbackrunden, holistische Ansätze und am Ende?

    Ja am Ende, da steht ne Studentin im Puma Anzug auf der Straße, quatscht Leute an und hat damit Erfolg.
    Ich wünsche mir mehr Hands On Mentalität, mehr Mut zum Experiment. Wir lernen nähmlich nicht aus unseren Plänen sondern aus unseren Handlungen und aus unseren Fehlern.

    • Maik Meid

      Hi Sascha,
      ja, ich stimme dir in einem Punkt zu: Ich kenne beide Welten. Die eine, in der man von lauter Prozessentwicklungen und Projektplänen und Reportings nicht mehr zum eigentlichen Machen kommt. Und die andere, wo man „einfach mal machen“ soll und sich dafür einen Fundraiser holt. Wenn der Fundraiser aber dann mit Kennzahlenentwicklung beginnt, erweckt das nur eher Misstrauen, was der Fundraiser denn treibe.
      Man muss machen können, aber man muss auch planen und sinnvoll vorgehen.

      Gerade bei einem solch großen Vorhaben wie dem von mir im Post beschriebenen geht aus meiner Sicht ohne Planung und Steuerung nix. Wie häufig habe ich schon gute Ideen beerdigt, nachdem sie einfach mal sinnvoll berechnet und kalkuliert wurden?
      Und da wiederum bleibe ich bei meiner Meinung ;-).

      Viele Grüße,

      Maik

  3. Avatar

    Hallo Maik.
    Ich stimme Deinem Artikel (und auch Deinen Gedanken auf dem Nachhauseweg von zahlreichen Veranstaltungen 😉 voll zu.
    Allerdings würde ich nicht das Vorgehen der von Dir zitierten Fundraiserin ankreiden, sondern eine Ebene höher ansetzen. Eine Organisation/ein Unternehmen bekommt ja meist den Mitarbeiter, den es sucht. Und wer eben Projektmanager zum akuten Brände löschen und Finanzlöcher stopfen sucht, bekommt auch genau das.

    Was ich damit sagen will: Ich denke es hapert nicht nur am Selbtverständnis einiger Fundraiser (oder Spendensammler?), sondern auch (noch!) am Verständnis in den Unternehmen oder Organisationen selbst. Das Potential von Fundraising als tragende Säule mit Schnittstellen und Wirkung in alle Bereiche und Abteilungen, wird noch nicht immer erkannt.

    Doch schöner Weise gesellt sich zu meinen Gedanken auf dem Nachhauseweg von Veranstaltungen immer öfter Freude darüber, dass mir mehr und mehr Menschen mit genau diesem Fundraisingverständnis begegnen!

    Daher positive Denken, Vorausschauen – und gerne ein wenig weiter moppern….ist mir als Leser eine Freude.

    Viele Grüße
    Anja

  4. Christian Gahrmann
    Christian Gahrmann Reply

    Lieber Maik,

    wenn ich einmal etwas Werbung machen darf. 🙂 Ich wüsste, auf welche Veranstaltung Du demnächst möchtest und wo wir uns auch sehen werden: Strategisches Fundraising und Markenmanagement am 10. Oktober in Köln. 100% Strategie UND 100% erfolgreiche Praxis-Projekte. :-)) http://www.philanthropy-consulting.eu/seminar

    Bis dahin, Christian

  5. Avatar

    Hallo Maik,

    aus Fehlern lernen: um welche Veranstaltung und welches Projekt geht’s denn? Würde mir gerne auch ein Bild machen.

    Schöne Grüße
    Oliver

  6. Avatar

    Wenn du Fische verkaufst, sag Bescheid. Hab noch 1-2 inaktive Aquarien hier. 😉

    Nee, Spaß beiseite. Ich kann das nachvollziehen. Insbesondere den Frust über das, was viele als Strategie ansehen. Vielen ist aber auch einfach gar nicht bewusst, dass Strategie und Konzept nicht das gleiche sind. Ich fragte mal einen Trainee, ob er weiß, was eine Strategie ist. Er sagte ja, meinte aber etwas später, dass ihm nicht so klar sei, was ICH unter einer Strategie verstehe. Bis dahin waren Strategie und Konzept für ihn gleich. Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik war ihm nicht geläufig. Da ist anscheinend noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Wobei ich mich schon frage, wie man ohne dieses Wissen durch eine Hochschule kommt.

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