Neue Spendenplattformen: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint…

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Hallo Christian,
(Name von der Redaktion geändert. Melde dich via E-Mail an, um neue Texte personalisiert und einen Tag früher zu bekommen)

„das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ summe ich in letzter Zeit immer wieder vor mich hin, wenn eine neue Plattform das Spendenwesen mit einer „Everybody wins!“ -Idee revolutionieren will. Eine Vielzahl von Menschen hat das Bedürfnis durch Web-Plattformen die Welt zu retten und startet dabei oft sehr naiv.

Dabei möchte ich das gar nicht zynisch sehen. Grundsätzlich begrüße ich jeden Versuch, nur so kann Neues entstehen. Aber mich erstaunt schon, warum vor dem Start so wenig Kontakt zu Organisationen, Verbänden oder Personen aus der „Nonprofit-Szene“ besteht.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Foto: AHLN CC-BY
Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Foto: AHLN CC-BY

Besonders beliebt sind Plattformen die Spenden versprechen, ohne dass der „Spender“ selber in die Tasche greifen muss. Erreicht werden soll das über Yet another Affiliate Platform wie boost, helpfreely und Co. oder direkt über Werbung wie smoost, nate und ähnliche. Jeder Online Fundraiser kennt die regelmäßigen E-Mails und Anrufe neuer Plattformen. Leider hat dort scheinbar niemand vorher eine Marktanalyse gemacht und festgestellt, dass es genau das schon vielfach gibt. Ganz zu schweigen davon, dass der Aufwand die eigenen Unterstützer auf eine solche Plattform zu bringen meist besser in gute Spendenprojekte investiert wird.

Gut gemeint

Es gibt aber auch Plattformen die sind schlichtweg Größenwahnsinnig oder vollständig naiv. Da schreiben einem Unternehmer, dass Amazon und Co. ja alles falsch machen, sie jetzt aber die Lösung haben. Andere gehen von Spendensummen aus, die selbst große NGOs nicht erreichen oder wollen ohne jede Recherche endlich mal Transparenz herstellen. Und natürlich werden Organisationslogos „für Sie schon mal eingebaut“. Ich beneide den Optimismus, bin aber ob der gut gemeinten, schlecht umgesetzten Plattformen etwas genervt.

Vielleicht sind wir als Nonprofit-Szene aber auch nicht ansprechbar genug um neue Ideen schon in einem frühen Stadium zu diskutieren? Vielleicht fehlen die Ansprechpartner oder sie erscheinen als zu abgehoben bzw. haben keine Zeit? Vielleicht fehlen aber auch die Formate mit denen neue Plattformen mit Organisationen ins Gespräch kommen. Vielleicht fehlt die „Höhle der Löwen“ für neue Fundraising-Ideen?

Wie sollen wir als Organisation mit neuen Plattformen umgehen?

Was ist nun zu tun, wenn mal wieder eine Anfrage kommt? Für jeden hauptamtlichen Fundraiser gilt, dass alleine die Beschäftigung damit schon eine Investition ist, die erst einmal wieder reingeholt werden muss. Wenn dann die Spenden zwei oder dreistellig bleiben (wie bei den meisten Affiliate/Werbeplattformen) lohnt sich das nicht.

Aber wenn doch eine Perle unter den vielen Ideen ist? Was wenn wir die Zukunft des Fundraisings ohne Test ablehnen? Aus meiner Sicht können wir entweder alles ablehnen und warten, ob sich etwas durchsetzt. Oder wir beteiligen uns, quasi als Seed-Investoren, an vielen neuen Ideen in der Hoffnung, dass sich vielleicht ein, zwei davon etablieren können. Ich gehe gerade den Weg der Ignoranz, aber vielleicht ist auch das ein Fehler.

Wie geht ihr mit Anfragen für neue Plattformen um? Habt ihr schon positive Erfahrungen mit neuen Plattformen gemacht? Schreib mir einfach ein Kommentar hier in den Blog oder eine E-Mail an jona@pluralog.de!

Schöne Grüße
Jona

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16 KOMMENTARE

  1. Hach, Jona. Erneut so viele schöne Zeilen. Danke!
    Die Flut an Affiliates oder Spendenplattformen erinnert mich an die ebenfalls ständig kontaktierenden „Isch rufe von Google an“-SEO-Gutgemeint-Agenturattacken. Vielleicht nur ein ergänzender Satz: Was soll es? Wenn sich ein Tool tatsächlich als Perle herausstellt, dann habe ich immer noch die Chance, aufzusteigen. Seed-Teilnahme hin oder her. Fundraiser denken langfristig. Ob wir dann von Anfang an dabei sind oder nicht, egal. Der Long Tail zieht.

    Schöne Grüße auch,
    Maik

  2. Ich kann Deine Haltung gut nachvollziehen – viele Tools und Anfragen von solchen Anbietern schaue ich mir auch nur noch ganz kurz an und in den meisten Fällen habe ich nicht den Eindruck, dass das was wird. Dennoch, ab und zu ist was richtig Geiles dabei, dann lohnt es sich da noch tiefer reinzuschauen (und dann einzusteigen, wie in meinen Fall…).

    Was die Seed-Teilnahme betrifft, da bin ich keiner guten Hoffnung. Welche NGO hat schon Risikokapital, die Dilligence- und Businessplan-Experten verfügbar und vor allem eine nachhaltige Anlage- und Beteiligungs-Strategie? Zum heutigen Zeitpunkt würde ich sagen nein, dazu ist die deutsche NGO-Szene nicht in der Lage. Das ist ärgerlich, denn gerade jetzt habe ich ein Startup und geiles Fundraisingtool, das sich dafür extrem offen zeigt – aber NGOs das ganz schnell ablehnen, weil sie irrtümlich glauben, man wolle nur Geld von ihnen. Nee, Seed-Finanzierung von NGOs wird es so schnell nicht geben.

    • Ja, an eine finanzielle Beteiligung glaube ich auch nicht. Das ist mit Spendengeld auch schwierig. Aber für mich ist hier auch ein Beschäftigung damit, eine Logolizenz oder ähnliches eine Form der Beteiligung 🙂

      • Logolizenz ist doch kaum Denkarbeit oder ernsthafte Beteiligung, oder?

        Wenn schon intensive Zusammenarbeit mit einem Startup, dann auch ein gewisses Owning, oder? Neben einer finanziellen Impact-Beteiligung können ja auch Mitarbeit in Beiräten oder anderes angedacht werden. Commitment ist mehr als mal eben passiv als Spendenzweck aufgenommen zu werden.

        • Naja, Logos werden in vielen Organisationen gut bewacht 🙂

          Aber ich würde mir das auch mit aktiver Mitarbeit vorstellen. Aber dafür muss man halt überzeugt sein und Überzeugung geschieht selten mit einem 3 Minuten Pitch. Die meisten Plattformen sind ja aus Nonprofit-Sicht gut, wenn sie es schaffen viele Benutzer zu bekommen, ohne dass die Organisation den Traffic besorgen muss.

          • Ohne dass die Organisation den _ganzen_ Traffic besorgen muss. Dann gehe ich absolut d’accord.

            Ich finde das Thema so heiß und spannend, weil wir da ja selber gerade dran sind – und es schwer herauszufinden ist, was NGOs sich vorstellen können an „Mitarbeit“. Let’s see…

          • Ist halt das alte Spiel mit der Henne und dem Ei. Eine Plattform wird für Organisationen interessant, wenn sie groß ist, kann aber oft nur mit Organisationen groß werden. Deshalb scheitern so viele Plattformen die kein großes Investment in Personal und Aufmerksamkeitsgenerierung leisten können.

  3. Meine Herren, heute habt Ihr (vor allem Du, Jona) mal geschafft, meine beiden Seelen zu einer zu machen, einerseits die NGO Seite, andererseits unsere Unternehmerische Realität! Ich bin ja da schon dankbar, dass wir 6 Jahre nach Start noch dabei sein dürfen, denn mensch, wie viele „potentielle“ Kooperationspartner oder Konkurrenten habe ich in den letzten Jahren kommen (und gehen) gesehen…:)

    Uns ging es damals aber ähnlich…als wir vor 6 Jahren NPOs Online Spenden oder noch schlimmer „Online Anlassspenden“ angeboten haben, kam man sich auch oft vor, alswäre man vom Mond…man muss ganz klar sagen, viele NPOs sind da nicht offen sich neues anzusehen. Zum Teil kann ich das verstehen, ihr habt ja gute Punkte gebracht, aber in KEINER Firma/Branche überlebe ich mitelfristig, wenn ich mir eben nicht die neuen Themen ansehe…die Ausnahme machte ein GEschäftsführer einer Caritas der mir mal sagte: „Immer wenn es uns gut geht, ist es Zeit was neues auszuprobieren! Weil wenn es uns schlecht geht, probieren wir sicher nichts neues aus!“

    Das ist die Mentalität die aus meiner Sicht in jeder Organisation (egal ob NPO oder for Profit) nötig ist.
    Das heisst nicht, dass ich Haus und Hof aufs Spiel setzen muss, aber ansehen, bewerten, entscheiden, ist denke ich nötig. Wenn nicht, werde ich auf lange Sicht Nullkommakeine Innovation mehr haben und nur noch das machen „was wir schon immer gemacht haben“…und so gestaltet man nicht aktiv die eigene Zukunft…

    Oh Mann, Danke für den Anstoss, das hat gut getan! 🙂
    Schönen Gruß aus der Höhle der (bayrischen) Löwen.

    Nico

  4. Zu den Fundraisingtagen genau der passende Artikel. Meine Ansicht ist, dass selbst bei den bekanntesten Portalen eine Menge Fragen offen bleiben und ich andrerseits versuche sinnvolle Konzepte mehr in die eigene Strategie einzubauen. Zusätzlich gibt es gute Ideen, die ich mir auch bei den ngo’s gut vorstellen könnte, wie: https://www.patreon.com/
    Selbst über Startnext findet man brauchbare Portale, wo man sich fragt, der Betreiber müsste viel mehr werben dafür. Immerhin rollt der Rubel über deren Bank. https://gemeinsam-stark.viele-schaffen-mehr.de/Projekte_unterstuetzen/Alle-Projekte.html

    Außerdem kann man heute mit WordPress und Co. jeden Tag ein neue Seite aus der Taufe heben. Für Leute mit Programmierkenntnissen und Engagement ein großes Betätigungsfeld.

    Zusätzlich finde ich, es fehlt Deutschland an den entsprechenden Ikonen, die mit diesen Know How aus der Masse hervorstechen und einfach cooles Fundraising umsetzen.

    Ich selbst habe zwei Ideen, die Spenden mit Schenken verbindet und gut in das generelle Fundraising passen würden, weil sie Werbeprodukten eine ganz andere Botschaft verpassen würden. Und im Sinne der Höhle der Löwen gesprochen. Ja ich muss diese noch austesten, ob diese wirklich so wirken, aber ich bin guter Dinge.

    Leider muss ich erwähnen, das Portale noch besser im Marketing werden müssen. Bisher erreichen einem nur Status Meldungen, aber bieten wenig Möglichkeiten einem Impact zu erstellen, oder besitzen wenig Automation um den Teilnehmer immer wieder ins Boot zu holen oder mit geeigneten Respondern mehr Wissen von dem jeweiligen Verein zu vermitteln. Im Moment versuche ich mit 50 € Projekten monatlich die User für Gooding abzuholen, wie es scheint bringt es was, wenn man sich über 4 neue Unterstützer schon freuen darf.

    So fand ich jüngst ein gutes Tool für WordPress, dass mit vorgefertigte Karten arbeitete und man diese mit persönlichen Texten und Bildern der User erweitert werden konnte. Allerdings mangelt es dem Tool auf eine spezielle Landingpage weiterzuleiten. So wurde man beim Teilen der Karte wieder auf das Tool geleitet und man konnte sich die Karte genauer anschauen oder selbst eine kreieren. Verschenktes Potential, leider.
    Schade, in der Vorschau fand ich es sehr spannend. Da war es noch auf Weihnachten und Valtentinstag ausgerichtet und hatte mir mit dem Kauf mehr Optionen für das Marketing erhofft. Wenn es genau das könnte, was ich mir vorstelle, könnte ich mir ein Prima Marketing für unser Fundraising und unseren Unterstützern vorstellen.
    Da könnte man sogar mit dem Teilen solcher Karten viel Persönliches rüber bringen und begleitende Conteste umsetzen.

    Schade das einem meistens schon die Mittel fehlen, genau so ein Tool zu haben um Traffic auf die eigenen Landpages zu bringen. Vergleiche ich das mit den Email Rückmeldungen zu unseren vermittelten Tiere, wäre das genau mein Tool.

  5. Mit einem völlig anderen Ansatz sind wir seit dem 21.10.16 im Netz:
    https://hermitdermarie.de/
    „Her mit der Marie“ stellt Fragen, mal amüsant, mal ernst. Der User gibt seiner Meinung mittels einer Spende Nachdruck. So entstehen gewichtete Umfragen. Marie ist übrigens nicht gemeinnützig, aber auch nicht gierig.

      • Ein erster Erfolg war die Umsetzung des Vorhabens. Ob wir die gewünschte Akzeptanz bekommen wird die Zukunft zeigen. Es wäre ja auch zu einfach, wenn es „flutschen“ würde.
        Wir haben auf jeden Fall einen langen Atem und sind uns auch bewußt, dass potentielle Spender nicht gleich beim ersten Besuch der Website spenden werden. Erst muß Vertrauen aufgebaut werden.
        Mit den besten Grüßen und Her mit der Marie!
        Guido Bruch
        https://hermitdermarie.de

  6. Hallo zusammen,

    ich sehe euren Dialog zum Thema leider erst jetzt, sonst hätte ich mich früher daran beteiligt. Für die die mich nicht kennen: Ich bin der Gründer von HelpDirect.org, der seit 1999 ersten deutschsprachigen Spendenplattform und einiger anderer Online Fundraisingtools und beschäftige mich seit 18 Jahren mit dem Thema Online-Fundraising und Online-Marketing. In der Fundraising- und kommerziellen Welt. Wer sich für mehr interessiert: http://www.meurer.de

    Erstmal finde ich es richtig gut, dass diese Diskussion entsteht. Da warte ich schon lange drauf. Jona, danke dir dafür. Die ersten Jahre nach der Gründung von HelpDirect gab es ja kaum andere Portale. Erst in den letzten 10 Jahren explodieren sie. Anfangs fand ich das toll, dass es so viel Engagement gibt. Ich habe immer versucht, kollegialen Kontakt zu den Betreibern aufzunehmen und anzuregen, doch was gemeinsam zu machen. Aber immer mehr merkte ich, dass da auch viele „selbstverliebte Spinner“ unterwegs sind. Da habe ich es dann wieder sein lasen. Das tut der Branche nicht gut.

    Für NGOs dürfte es inzwischen sicherlich nicht leicht sein herauszufinden, welche Lösungen hilfreich sind oder nicht. Es gibt erfolgreiche, weniger erfolgreiche und erfolglose Plattformen. Aber vielleicht kann ich hier zumindest eine meiner Meinung nach der wichtigsten Entscheidung bei der Bewertung weitergeben:

    Egal welche Spendenlogik ein Portal hat, ob Spendenplattform, Charity Shopping, Mobilfunkspenden, Aktionsspenden, oder was auch immer. Der wichtigste Grund für die Entscheidung, wie ich als NGO mit einem Portal umgehe oder nicht sollte immer sein, ob das Portal die Spenden und Spenderadressen selbst vereinnahmt oder sich als Mittler zwischen NGO und Spender versteht.

    Portale, die nicht als Mittler zwischen Spender und NGO agieren sehe ich kritisch. Sie leiten sicherlich die Spenden weiter an die NGO, ohne Frage. Aber sie sind rechtlicher Eigentümer der Spenderadressen und können diese auch für andere Aktivitäten nutzen. Und die NGO hat keinen Kontakt zu diesen Spendern. Hier gibt es genügend bekannte Beispiele. Mit HelpDirect und allen anderen unserer HelpTools sind wir nur als technische Plattform dazwischen geschaltet, vergleichbar wie Ebay zwischen Verkäufer und Käufer. Daher gehören bei HelpDirect und allen anderen HelpTools die Spenderadressen „immer“ der NGO. Fazit: Plattformen die sich nicht als Mittler verstehen sollte man nutzen, um ihre Reichweite zu potentiell neuen Spendern zu erhalten. Aber man sollte nicht von seiner NGO-Website auf sie verlinken, noch weniger ihre Spendenformulare einbinden. So vermittelt man seine eigenen Spender an einen anderen Betreiber, der diesen Spendern auch die schöne Welt anderer NGOs vermittlen kann. Und dann ist er weg, ohne das man es selbst gemerkt hat.

    Die Idee mit dem Siegel oder Logo ist nicht verkehrt. Vielleicht sollte man mal überlegen, wie man Qualitätsstandards definieren kann, um hier die Spreu vom Weizen besser zu trennen. Sollte sich hierzu eine Initiative ergeben, ich bin dabei.

    Schöne Grüße, Harald

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