Ruhr Summit 2016 – Recap schizoid

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    Dies ist nur die halbe Wahrheit

    Der Fortbestand einer Szene und eines Themas besteht aus meiner Sicht darin, von einander zu lernen. Das Gelernte sollte aufgenommen, geprüft und Teile davon übernommen werden. Versuchen wir dies also mit diesem Recap mal etwas „bipolar“.
    Zweigeteilt, gestört. Wie auch immer.
    Wer diesen Text verstehen will, muss beide lesen. Den anderen Text gibt es beim Private Equity Forum NRW.

    Ruhr Summit 2016
    Uh-Ah. Kann man machen, muss man nicht: Eröffnung des Ruhr Summits 2016

    Gestern war der erste Ruhr Summit auf Zeche Carl in Essen.

    Ich bin mittlerweile seit 11 Jahren im Fundraising tätig und über 20 Jahre irgendwie im gemeinnützigen Bereich. Dies ist mein Alltag und damit ernähre ich meine Familie. Und wenn ich hier auf sozialmarketing.de „Fundraising“ schreibe, dann kann nahezu jede Leserin und jeder Leser etwas mit diesem Begriff anfangen.

    Seit einiger Zeit unterstütze ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit das Private Equity Forum NRW im digitalen Bereich. Wir planen gemeinsam Inhalte, gestalten Pläne und halten die Website auf dem aktuellen Stand. Nebenbei lichte ich auf Veranstaltungen Menschen der Szene ab, um diese später auf besagter Website zu veröffentlichen. Aber, eigentlich habe ich mit Private Equity Themen bislang überhaupt nichts zu tun. Ich komme da nicht her, lerne aber von Veranstaltung zu Veranstaltung dazu. Es gut mit mir meinende Menschen haben mich dort reingebracht.

    Auf meiner Visitenkarte steht was mit „Fundraising“ und somit auch auf den Namensschildern der Veranstaltungen, die ich in diesem Zusammenhang besuchen darf. Beim Betrachten von Karte und Schild gibt es stets verständnisvolles Nicken. Denn nahezu jeder kann etwas mit „Fundraising“ anfangen. Ich gehöre also dazu, bin Teil der Szene.

    Stimmt aber gar nicht. Das Private-Equity Verständnis von Fundraising ist ein völlig anderes. Wenn dort von Fundraising gesprochen wird, dann geht es um das Finanzieren oder Befüllen von Fonds und weitere Investitionsmöglichkeiten. In dieser Begriffsdefinition steht die reine Finanzierung im Vordergrund. Sprich das Organisieren von Geld, jenseits des gemeinnützigen Bereichs. Hier geht es um Geschäft. Eine Definition und Vorgehensweise, die alle hier auf sozialmarketing.de mitlesenden Kolleginnen und Kollegen weit von sich weisen und als zu kurzsichtig betrachten würden.

    Cut! Zum eigentlichen Thema

    Gestern fand in Essen der 1. Ruhr Summit auf Zeche Carl in Essen statt. An den #RS2016 angedockt war der Impact Summit, der sich mit den Themen Nachhaltigkeit, Sozialunternehmertum und gesellschaftsverändernder Geschäftsmodelle auseinander setzt. (Dazu empfehle ich noch mal den Artikel des geschätzten Kollegen Jan Hindrichs hier im Blog von vor ein paar Tagen.)

    Unter anderem war Till Behnke von betterplace und nebenan.de in Essen vor Ort und wies darauf hin, dass eigentlich jedes Start-Up Impact-Anteile besitzen müsse. So weit, so gut, so logisch und hier nicht weiter auszuführen. Besonders lenkte er aber auch den Blick auf Impact orientierte Start-Ups, die eben nicht auf gemeinnütziger Basis agieren sondern ein kommerzielles Geschäftsmodell fahren. Und er ergänzte, dass sich soziales Unternehmertum oft ein wenig um sich selbst drehe. Das wiederum kennt man auch aus dem Fundraising :-). Beispiele für gutes Sozialunternehmertum findet man auf jedem Fundraising-Kongress, in nahezu jeder Ausgabe des Fundraiser-Magazins oder in diesem Internet.

    Till Behnke auf dem Ruhr Summit 2016
    „Non-Profit oder For-Profit?“ Till Behnke auf dem Ruhr Summit

    Den Gedanken, dass die gesamte Investorenschaft und auch Start-Ups grundsätzlich über echte Nachhaltigkeit jenseits von grünwaschenden Feigenblättern nachdenken müssen, unterstrichen Trivago-Gründer Rolf Schrömgens und Sven-Oliver Pink von Ergobag. Gerade letztes Unternehmen löst durch die Herstellung von Millionen Rucksäcken aus recyceltem PET ein Umweltproblem. Durch die faire Produktion in Vietnam (!) auch nicht nur vor Ort, sondern mit globalpolitischem Anspruch. Und diese Gedanken haben nichts mit sozialromantischen Vorstellungen der Weltrettung zu tun, sondern sind gut durchdachtes und profitorientiertes Geschäftsmodell, das eben beide Seiten beeinflusst.

    Die Mitarbeitenden bei Trivago haben die Möglichkeit, jährlich über die gemeinnützige Verteilung von 1% des Unternehmensgewinns demokratisch abzustimmen. Durch ein Mitarbeiter-Voting werden Vereine, Stiftungen und Institutionen begünstigt, die den Mitarbeitenden am Herzen liegen. (Merkposten für’s Fundraising: Man sollte einen Trivago-Mitarbeiter kennen ;-).)

    Die Tengelmann Gruppe scheint dies auch begriffen zu haben und investiert über die Tengelmann Ventures eigenes Geld der Unternehmerfamilie in Impact-Unternehmen. Der Anspruch dabei liegt im Willen der grundsätzlichen Investition sowie der Blick auf die Gesamtidee des Start-Ups. Ansatz: Impact und Return sind idealerweise ausgeglichen. Niemand will Geld verlieren, besser natürlich auch etwas verdienen. Aber der Impact der Unternehmung steht an erster Stelle. Der Start gelang mit Coffeecircle.

    „Das größte Thema der Industrie ist der Kulturwandel.“

    Das kennen wir im Fundraising auch. Viele Dinge der Veränderung dauern oft zu lange. Allerdings gefühlt noch länger, als in gewinnorientierten Unternehmen, da dort der Druck zur Veränderung einfach größer ist. Daher sind diese von Speakern und Diskussionsteilnehmern des #RS2016 getätigten Aussagen mit dem Blick auf das Fundraising interessant:

    1. Es gibt keine strikte Trennung mehr.
    Unternehmern von heute ist es teilweise egal, ob das Vorhaben nun gemeinnützig ist, oder nicht. Nicht die Unternehmensform steht für die Idee, sondern die Menschen, das Produkt und natürlich der Markt. Impact und Nachhaltigkeit werden normal. Überlegt euch, wie viele Diskussionen über Organisationsformen ihr womöglich schon geführt habt.

    2. Spenderverhalten und Investorenverhalten vergleichen.
    Wer investiert in Start-Ups? Private und institutionelle Investoren, die idealerweise mehr als ihren Einsatz wieder heraus haben wollen. Und diese achten sehr stark verkürzt auf folgende Aspekte, auf die beim Ruhr Summit 2016 immer wieder hingewiesen wurde:

    • Passt die Idee?
      Nur, wenn die Idee stimmt, wird investiert. Und diese Idee muss die Entscheider begeistern, sowohl mit dem Herzen als auch mit dem Kopf. Ersetze Investor mit Spender und schon haben wir die Parallele.
    • Ist das Team hinter der Idee gut?
    • Wie groß ist der Markt?
      Gut, daran orientiert sich ein Spender vielleicht nicht. Aber vergleicht man diese Investorenaussage mit unserem Bereich, so könnte der Blick auf die Wirkung einer Spende erneut in den Blick kommen. Wie viele Mitbewerber hat meine Organisation? Wo ist das Alleinstellungsmerkmal?
    Zeche Carl Essen
    Ruhr Summit 2016 auf Zeche Carl (Foto: Reclus – CC0 – via Wikimedia Commons)

    „It’s all about talents…“

    Ein besonderes Problem der derzeitigen Unternehmen ist das Lokalisieren und Finden von Personal. Während wir Fundraiser derzeit in einer komfortablen Position sind, so haben alle Arbeitgeber derzeit eine große Herausforderung zu meistern: Sie müssen Talente finden (Punkt 1), diese begeistern (Punkt 2) und dann auch noch binden (Punkt 3). Dies funktioniert nur durch höchste Priorisierung dieser Aufgabe. Keine guten Leute, keine gute Arbeit. Hier kann der Nonprofit-Sektor noch eine Menge aufholen und wir sollten genauer darauf schauen, in wie fern die personelle Außenwirkung eine Rolle für das Unternehmensergebnis und womöglich direkt und auch indirekt für den Spender spielt. Gibt es hier eigentlich schon Untersuchungen?

    „… and the way of working“

    Nicht nur die Talente an sich zählen, sondern auch die Teamzusammensetzung und die Kultur der Arbeit. Kein junges und vielversprechendes Talent steht auf Verwaltungsgebäude mit Gummibäumen und einer Atmosphäre der 90er Jahre. Flexible Arbeitszeiten sind auch nicht der entscheidende Faktor, sondern vielmehr das Zusammenspiel aus den Menschen vor Ort und der allgemeinen Zufriedenheit. Und nicht zuletzt ist es auch der geographische Ort, wo alles stattfindet. Zitat eines Speakers: „Nicht jeder gute neue Mitarbeiter will in Duisburg arbeiten, wenn er die Wahl hat, nach Berlin oder Hamburg gehen zu können.“ Während Start-Ups sich ziemlich zügig für Berlin einen gerade angesagten Ort entscheiden, tun sich gemeinnützige Organisationen oft schwer. Weltniveau aus der Provinz?

    Und sonst?

    Die Veranstaltung war mit Ausnahme des Andockens des Impact Summits eine klassische Start-Up-Investoren Matching-Veranstaltung. Der obligatorische Start-Up Pitch war dabei, Investoren Speed-Dating, diverse Bühnen und Workshops und letztendlich auch noch eine Fete. Menschen in Anzügen und Krawatte neben Kaputzenpullis und gebrandete Polo-Shirts mit dem jeweiligen Start-Up Logo. Inputs über (Achtung Fachbegriff und Buzzword!) Megatrends der kommenden Jahre und Jahrzehnte sowie die Do’s and Don’ts der Investorenansprache. Alles sehr nah dran an Start-Ups, aber eben auch Spendertheorie und Praxis. Wenn man um die Ecke denkt und Schnittmengen gut findet.

    Die drei Szenen (Fundraiser – Investoren – Sozialunternehmer) können und müssen von einander lernen. Und dies war auch das eingehende Fazit der beiden auf den ersten Blick völlig unterschiedlich erscheinenden Säulen des Ruhr Summits 2016.

    Die Location lässt das Ruhri-Herz aufgehen. Zeche Carl geht immer. 30 Minuten Verspätung zum Start gehen gar nicht, und auch isländische Uh-Rufe zu Beginn sind eher Face-Palm verdächtig als motivierend. Sei’s drum. Wir hier vor Ort hätten gerne mehr solcher Veranstaltungen.

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