Interview: Stefan Loipfinger von CharityWatch.de

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loipfinger charitywatch.deHerr Loifinger, Sie sind Autor des Buchs „Die Spenden Mafia“ und Betreiber der Plattform CharityWatch.de. Kurz zum Hintergrund: Mit welcher Intention haben Sie CharityWatch.de 2008 ins Leben gerufen?

Mein Wunsch ist immer noch, dass mehr Geld bei den guten und seriösen Vereinen ankommt. Da es leider zu wenig Transparenz gibt, ist Missbrauch von Spendengelder ein Systemproblem, an dem eigentlich die ganze Branche arbeiten sollte.

Warum haben Sie CharityWatch.de nach nur wenigen Jahren wieder eingestellt?

Wenn 4 Jahre wenige Jahre sind, dann haben Sie Recht. Aber am Ende ist es auch eine Frage des Geldes, um die ständigen Rechtstreitigkeiten, Verleumdungen und mehr aushalten zu können. Nach dem ich in den 4 Jahren über 250.000 Euro plus meine Arbeitszeit investiert habe und eine Besserung nicht in Sicht ist, habe ich die Reißleine gezogen.

Wie stehen Sie professionellen Fundraising- und Marketingmethoden von seriösen Hilfsorganisationen gegenüber?

Professionalisierung ist an sich eine gute Sache. Am Ende ist aber für einen Spender entscheidend, wie viel von seinem Geld in Projekte fließt und wie viel für Verwaltung und Werbung verwendet wird. Eine seriöse Hilfsorganisation wird deshalb auch darauf achten, dass mindestens 80 Prozent für gute Projekte ausgegeben werden. Die Gier nach einem größeren Stück vom Spendenkuchen darf nicht dazu führen, dass eine Abwärtsspirale von immer aggressiverer und teurerer Spendenwerbung in Gang gesetzt wird.

 Gibt es einen Fall des Missbrauchs von Spendengeldern, der Sie in den letzten Jahren besonders schockiert hat?

Da gibt es nicht nur einen, sondern viele Fälle. Das Systemproblem liegt einfach daran, dass gemeinnützige Organisationen all ihre Einnahmen ausgeben müssen und viel zu wenig hinterfragt wird, wofür das geschieht. Wenn dann bei einem Gandhi Hunger in einem Jahr hunderttausende Spendenbriefe mit Bildern von hungernden Kindern verschickt werden und am Ende dem von mir untersuchten Jahr nicht ein einziger Euro für Hungerhilfe verwandt wird, dann ist das schon besonders dreist.

Haben Sie auch positive Erfahrungen im Umgang mit Hilfsorganisationen gemacht, die sie überrascht oder gefreut haben?

Selbstverständlich. Es gibt sehr viele engagierte Überzeugungstäter, die ihre Aufgabe absolut ernst nehmen. Deren Problem ist aber, dass sie sich auf die Hilfe und nicht auf die Mittelakquise konzentrieren. Dadurch gehen sie in Puncto Aufmerksamkeit bei Spendern im Vergleich zu den aggressiven Geldsammlern unter.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen vergibt das DZI-Spendensiegel an gemeinnützige Organisationen, doch dessen Beantragung bedeutet für NPOs einen finanziellen und zeitlich nicht unbeträchtlichen Aufwand, so dass sich viele NPOs gegen die Beantragung entscheiden. Was würden Sie sich wünschen, damit der Spender zu seinem guten Recht kommt, sich einfach und schnell darüber informieren zu können, ob eine Hilfsorganisation seriös ist oder eben nicht? Braucht es weitere Kontrollinstanzen? Und welche Forderungen richten Sie an den dritten Sektor, aber vielleicht auch an den Gesetzgeber?

Meine zentrale Forderung ist Transparenz. Es müsste gesetzlich vorgeschrieben werden, dass Vereine und Stiftungen die Einnahmen und deren Verwendung offen legen müssen. Das ist zwar kein Allheilmittel, wäre aber schon ein riesiger Fortschritt. Außerdem müsste man das DZI mit mehr Mitteln ausstatten, damit es den in der Satzung verankerten Verbraucherschutzauftrag besser ausführen kann. Warnungen vor missbräuchlich arbeitenden Organisationen sind eine sehr zeit- und geldintensive Angelegenheit, wie ich selbst am besten bestätigen kann.

Welchen Aufgaben widmen Sie sich künftig und werden Sie – auch trotz der gemachten Erfahrungen – in Ihrer Funktion als Journalist etwaige Schieflagen im dritten Sektor weiterhin kommentieren?

Derzeit bin ich noch voll mit der Abwicklung rechtlicher Streitigkeiten beschäftigt. Aber egal, was ich zukünftig für einen Weg einschlagen werde, werde ich immer eine eigene Meinung äußern. Ich bin Journalist. Wenn ich von einer Spezialisierung auf Spendenorganisationen nicht Leben kann, dann wird vielleicht mein Schwerpunktthema verlagert. Gelegentlich aber weiterhin auch über Spendenorganisationen zu schreiben, kann mir niemand verbieten.

Herr Loipfinger, vielen Dank für das Gespräch!

 

2 KOMMENTARE

  1. Lieber Thilo,

    Dein Interview hat mich sehr getroffen – ich wusste bisher nichts von charity-watch.de, wahrscheinlich, weil es das nicht mehr gibt. Es ist erschreckend, was er da – auf seinen Seiten – aufgedeckt hat.

    Ich selber bin ja aus der Filmbranche (mein blog: ngovideo.blogspot.de) – dort kenne ich das Verhalten, das ist schon ein Haifischbecken.
    Wahrscheinlich hab ich mir bisher vorgemacht, dass es im NonProfit-Bereich besser ist – aber dort sind genauso Menschen unterwegs. Kopfschütteln hilft da wohl auch nix – Loifinger hat Recht – gesetzlich verordnete Offenlegung der Finanzen für NonProfits, die Spenden entgegennehmen, ist wahrscheinlich der einzige Weg. Ich wüsste nicht, was sonst.

    Ein sehr ernüchterter

    Jan Heilig

  2. Ich finde es auch sehr schade, dass eine so schöne und positive Idee wie CharityWatch wegen soviel Gegenwind nicht bestehen konnte.

    Ich selbst habe ja auch das Problem, dass ich gern soziale Organisationen unterstützen möchte, aber nicht weiß, wo mein Geld wirklich ankommt. Lediglich den „Wasserkopf“ einer sozialen Organisation bezahlen möchte ich schließlich auch nicht. Es fehlt tatsächlich an Transparenz!

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