Hochwasser 2013 – Kommunikation der Katastrophenhilfe-NGOs unter der Lupe

2

Es ist kaum drei Monate her, dass das Hochwassser in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern auch in sozialen Medien das große Thema war: Es war das erste Mal im deutschsprachigen Raum, dass sie intensiv als Anlaufstellen für Betroffene und Helfer in einer Katastrophensituation genutzt worden. Facebook, Twitter und Co. haben der Flutkatastrophe einen Ort gegeben, an dem spontan und in einem überwältigenden Ausmaß die Koordination von Hilfeleistungen und Helfern bewerkstelligt werden konnte.

Welche Möglichkeiten einer Vernetzung von Organisationen der professionellen Katastrophenhilfe und den spontanen Nothilfevereinigungen bieten sich? Unser Institut für Kommunikation in sozialen Medien hat nun eine Kurzstudie Fluthilfe über die Herausforderungen und Chancen sozialer Medien für die professionelle Katastrophenhilfe vorgelegt. Untersucht wurde die Social Media Kommunikation von zwölf in Deutschland tätigen Organisationen der Katastrophenhilfe.

Liste der in der Kurzstudie untersuchten Organisationen
Übersicht über die in der Kurzstudie Fluthilfe untersuchten Organisationen

Zuwachs an Fans

Um es gleich vorweg zu nehmen: das große Fanwachstum von mehreren zehntausend Fans innerhalb weniger Wochen konnten die von uns untersuchten Organisationen nicht für sich verbuchen. Im Erhebungszeitraum zwischen dem 01. und 30.06.2013 haben alle untersuchten Organisationen zusammen 7906 neue Fans gewonnen.

Was auf den ersten Blick als recht ernüchternde Zahlen wirkt, hat für die meisten Organisationen dennoch einen bedeutenden Zuwachs bedeutet. Die untersuchten Facebook-Seiten sind während des Erhebungszeitraums durchschnittlich um 1,5 Prozent pro Woche gewachsen. Zum Vergleich: die wöchentliche Wachstumsrate für die Monate Januar bis Mai 2013 lag im Schnitt bei 0,5 Prozent. Die Flutkatastrophe hat also fast zu einer Verdreifachung der durchschnittlichen Wachstumsrate geführt.

Engagement

Eine hohe Interaktion ist die Voraussetzung dafür, dass die verbreiteten Informationen sowohl möglichst viele eigene Fans erreicht, als auch Freunde von Fans, die diese ebenfalls angezeigt bekommen und damit ggf. interagieren werden.

Die Malteser und die DLRG konnten an diesem Punkt ihre Fans am stärksten mit ihren Inhalten interagieren lassen. Ihre Engagement-Rate liegt bei 3,6 bzw. 6,2 Prozent – und war damit dreieinhalb bis sechs Mal so hoch, wie das durchschnittliche Engagement aller anderen untersuchten Organisationen. Ein niedriger Engagement-Wert hingegen bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch real sehr wenige Menschen mit den Inhalten interagiert haben.

Facebook-Seiten mit mehr als 10.000 Fans, wie sie etwa das Deutsche Rote Kreuz oder Aktion Deutschland Hilft aufgebaut haben, besaßen im Untersuchungszeitraum nur ein Engagement von 0,4 bzw. 0,5 Prozent. Im Durchschnitt waren dies aber 199 bzw. 189 Menschen, die täglich ihre Inhalte geliked, kommentiert oder geteilt haben. Das selbe lässt sich auch mit umgekehrten Vorzeichen betrachten. Arche Nova weist mit 1,9 Prozent das dritthöchste Engagement auf, real haben aber durchschnittlich pro Tag nur 15 Menschen mit ihnen interagiert.

Inhalte

Um herauszufinden welche Fluthilfe-Posts besonders gut ankamen, wurde untersucht, ob Bilder, Videos oder Links erfolgreicher waren. Erfolgreich bedeutet dabei, welche Posts zu den höchsten Interaktionsraten bei den Fans führten. Außerdem gehen wir der Frage nach, ob es einen Zusammenhang zwischen einer hohen Interaktionsrate und dem Zeitpunkt sowie der Länge eines Posts gibt. Zu diesem Zweck wurden die jeweils drei besten Posts je Organisation zusammengetragen und verglichen. Insgesamt konnten somit 36 Posts für die Untersuchung der Inhalte ermittelt werden.

Übersicht der interaktionsreichsten Posting-Arten
Übersicht der interaktionsreichsten Posting-Arten

Unter den 36 erfolgreichsten Posts bilden mit 64 Prozent Bilderposts die stärkste Gruppe. Die Bilder kommen bei Nutzern gut an und werden von Facebook offensichtlich auch bevorzugt im Newsfeed dargestellt. Viele Bilder oder Bilderalben wurden mit einem kurzen Informationstext untermalt und haben dadurch die höchsten Interaktionsraten hervorgerufen. Bei den erfolgreichsten Posts machen Links (19 Prozent) und Status (14 Prozent) einen deutlich kleineren Anteil aus.

Fazit der Kurzstudie

TES
Zum Download der Kurzstudie

Im Mittelpunkt der Berichterstattung in sozialen Medien steht für die untersuchten Organisationen weiterhin das klassische Sender-Empfänger-Modell (one-to-many). Die eigenen Fans werden eher als passive Konsumenten verstanden, die mit ausgewählten Inhalten über die professionellen Arbeit der etablierten Organisationen der Katastrophenhilfe interagieren dürfen.

Der Erfolg der spontanen Solidarisierungsaktionen über Facebook hat aber gezeigt, dass ein Perspektivenwechsel hin zu Integration und Kommunikation auf Augenhöhe viel Potential bietet. Die damit verbundenen Chancen, sich neue Unterstützerschichten zu erschließen und eine stärkere Verzahnung von spontaner und professioneller Hilfe zu ermöglichen, sollte als eine der zentralen Herausforderungen nach der Bewältigung der Flut begriffen werden.

2 KOMMENTARE

  1. Hallo Jörg!

    Interessante Zahlen – aber mir fehlt da was: statt die etablierten Organisationen untereinander zu vergleichen hätte ich es mindestens genau interessant gefunden diese mit spontanen Bürgerinitiativen wie „Fluthilfe Dresden“ https://www.facebook.com/FluthilfeDresden zu vergleichen, die erst während des Hochwassers entstanden und mehrere 10.000 Fans bekamen. Haben diese Initiativen Sachen anders gemacht als die „offiziellen“ Seiten? Warum fanden viele Menschen sie nützlich? Was können Organisationen davon lernen? Und warum haben diese spontanen Initiativen unabhängig und so gut wie ohne Unterstützung durch offizielle Stellen gearbeitet?
    Das hätte ich interessanter gefunden als einfach die Organisationen miteinander zu vergleichen.

    • Lieber Timo,

      danke für dein Lob und deine Kritik. In der ausführlichen Fassung der Kurzstudie haben wir versucht, auf die von Dir aufgeworfenen Fragen einige übergreifende Antworten zu geben. Genauere Aussagen, wie etwa zu den etablierten Fluthilfeorganisationen, konnten wir aber für die spontan entstandenen Fluthilfestrukturen nicht tätigen. Einfach weil uns das dafür notwendige Datenmaterial fehlt. Denn in der Spontanität liegt nicht nur ein geschätzter Vorteil, sondern auch ein analytisches Problem: niemand hatte diese Intitiativen bisher auf dem „Schirm“, es wurden also im Erhebungszeitraum mittels der verwendeten Analyseinstrumente keine detaillierten Daten über die Facebook-Seiten erhoben. Ohne diese war es uns folglich nicht möglich, Vergleiche anzustellen und valide Aussagen zu treffen.
      Wir haben im Juli, vor dem Beginn der Studie, den Vergleich mit selbst organisierten Facebook-Seiten in Erwägung gezogen. Nicht, so wie Du vorschlägst, sondern als zweite, ergänzende Studie. Doch dann mussten wir feststellen, dass uns dafür die Datenbasis fehlt und mussten diese Idee wieder fallen lassen.

      Beste Grüße, Patrick

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT