Deutscher Fundraising Kongress 2012 – Recap III
Die letzte Woche stand für einen Großteil der deutschen Fundraisingszene wieder im Licht des Deutschen Fundraising Kongresses.
Statt ein Zugticket nach Fulda lösen zu müssen, so ging es dieses Mal nach Berlin. Die Forderung nach dem Ortswechsel aus “Lobbying-Gründen” lag schon seit einigen Jahren im Raum.
Um es vorweg zu nehmen: Ob der dritte Sektor damit jetzt bereits ein Zeichen gesetzt hat, vermag ich nicht zu sagen.
Thilo und Jörg haben bereits ihre recaps geschrieben. Denen kann ich mich anschließen. Aber dennoch auch von meiner Stelle noch ein paar Ergänzungen.
Letztes Jahr Referent, so war ich dieses Jahr (gewollt!) in der Rolle des Helferleins und konnte dadurch den einige Seminare besuchen. Besonders spannend war jedoch der Mittwoch, an dem das Novum “Open Space” Teil des DFRK wurde. Fritz Haunert brachte diese Methode ein und circa 30 Teilnehmende der Erfahrungsstufen Newbie bis Vollprofi nahmen daran teil.
Als Barcamper war ich persönlich daher nicht überrascht, dass es nicht eine Negativrückmeldung im Feedback gab. Man munkelte etwas von möglicher Angst, dass auch dieses Format zu einer Generalabrechnung über Politik und Ausrichtung des Fundraisingverbands werden könnte. Weit gefehlt, die Teilnehmenden hatten viel mehr Interesse daran, sich auszutauschen und Input für ihre eigene Arbeit zu gewinnen. Gut so! Und, bitte mehr von Open Space. Vielleicht für einen geringeren – barcamp gerechteren – Preis anbieten. Spricht es sich durch, so ist dieses Format mit Sicherheit zukunftsfähig und für Kolleginnen und Kollegen gedacht, die auf Grund der stets wiederkehrenden Themen kongressmüde geworden sind.
Und sonst?
Einige der bekannten Aussteller fehlten. (Preisgrund? Müdigkeit?) Die Ausstellungsfläche an sich war verwinkelt und manchmal kam man sich wie auf einem Spießrutenlauf vor, wenn man bloß die Seminarräume wechseln wollte. Und nein, nicht bei jedem Wechsel der Seminarräume möchte ich meine Visitenkarte hinterlassen und ja, “Ich war schon mal bei Ihnen” und “Ja, Sie haben mich auch schon mal angesprochen” und “Nein, ich habe wirklich kein Interesse!”.
Wir haben für meine Frau einen Tag Teilnahme bezahlt und dies hat das familiäre Budget doch arg beansprucht. Ich werde in Kürze noch mehr darauf achten, mit welcher Veranstaltung ich das Budget meiner Einrichtung belasten werde. Aber man merkt’s ja erst, wenn man selber blutet, oder?
Table-Sessions: Das 2011 erstmals eingeführte Modell ist übernommen worden. Kurz gesagt, letztes Mal war’s besser: Die Atmosphäre war zu laut, zu stickig und zu wenig Platz. Die Themen waren ausgewogen, eher der Raum das Problem.
Programm: Ausgewogener als beim letzten Mal. Thilo und Jörg rockten wie erwartet, andere wiederum hatten bereits nach 30 Minuten weniger Zuhörer als zu Beginn. Aber auch das ist nichts Neues und gehört zur Kongresssoziologie allgemein. Mir allerdings sind auch selbsternannte Online-Experten suspekt, wenn man sie nicht im Netz finden kann und schon gar nicht, wenn im Seminar in den ersten Minuten gefühlte 35x der Name des Institutsgründer sowie das Wort “Mailing” zu hören ist. Egal.
Hotel: Ja, das war toll aus Sicht des Gasts. Vielleicht muss man als Nicht-Berliner ein wenig mit dem Charme der direkten Kommunikation warm werden. (Situtation in der Sky-Bar: Ein Kollege lädt uns mit einem Gutschein ein, dessen Höhe mehrere Runden verspricht. Kellnerin akzeptiert den Gutschein und bittet den Kollegen recht berlinerisch, sich zu melden, sollte er den Tisch wechseln damit sie auch auf den Gutschein buchen kann. Kollege sagt, wo er hingeht. Bis hierhin alles gut. Nach zehn Minuten kommt die Kellnerin und motzt über den ganzen Tisch ziemlich jeden an, der Kollege könne nicht einfach so weggehen, wo kämen wir denn dahin? Schließlich müsse sie ja buchen… Nicht ganz 4-Sterne-Standard
!)
Das Essen am Donnerstag Mittag eher mau, aber das ist auch vielleicht eine persönliche Meinung.
Galadinner und Preisverleihung: Jörg sprach schon vom hohen Fremdschämpotential. Kann ich nur bestätigen. Hier ist aber schon zu geschrieben worden. Daher nur der kurze Aufruf:
JAN UEKERMANN FOR MODERATION 2013!
Diese Sache mit der Raute dem Hashtag #dfrkpassionxyuzs20123113 #passiondfrk2012 ging gründlich in die Hose.
Vor Lobos Rede hatte ich nicht gedacht, dass er es schafft, die Menschen zu begeistern. Im Gegensatz zu Jörg habe ich nur positive Rückmeldungen zur Rede bekommen. Gelungener Input, wenn auch ich nicht sicher bin, ob die Message bei jedem angekommen ist. Viele Fundraiserinnen und Fundraiser haben schlichtweg Angst, sich mit den Themen der Zukunft zu befassen, weil sie sie nicht verstehen. Das wird auch in dieser Szene für einen digitalen Graben sorgen, wie er auch gesamtgesellschaftlich zu beobachten sein wird.
Spanne des Wissens der Teilnehmenden: Wie jedes Jahr! Sehr gemischt. Der Klassiker kam trotzdem nach 30 Minuten Table Session Crowdfunding: “Was ist denn dieses Web 2.0?” und 10 Minuten später: “Welchen Brauser Browser brauche ich, um auf diese Seiten zu kommen?”
Über was auch zu reden sein wird:
Das Hotelzimmer soll über HRS für 80,- Euro buchbar gewesen sein. Über den Kongress selbst war es weit teurer. (Ich habe dies allerdings selbst nicht überprüft, ob da was dran war.)
Erster Kaffee am Mittwoch um 15.30 Uhr, keine essbaren “Kleinigkeiten” an den Seminartagen, Kaffee aus Pappbechern im Spannungsfeld der ständig erwähnten CO2-Kompensationsabgabe (“Grüner tagen”).
Fragen:
Wo genau lag jetzt der Vorteil beim Tagen in Berlin?
Ist diese Preisgestaltung jetzt in Ordnung?
Warum ein so geringes Kontingent für Netzwerk-Tickets?
Resümee: Viele haben gemeckert und gelästert über so Vieles. Man hat den Eindruck, der Kongress sei dafür da, den gesamten Jahresfrust über politische Kompetenz oder Inkompetenz von DFRV oder sonst wem zu ventilieren. (War es nicht schon immer so?) Ich habe beide Seiten gehört und auch verstanden. Dieser Kongress wird sicherlich genau so hinterfragt werden, wie die bisherigen. Ich habe mich wohl gefühlt und nehme Mehrwert mit. Ob dieser Mehrwert allerdings mit dem Wert der normalen Tagungskosten in Einklang steht, glaube ich nicht.
P.S. Florian Nölls (Spendino) Kommentar über die Innovationsfähigkeit des deutschen Fundraisings verlief aus meiner Sicht leider im Sand. Kaum einer – über die Onliner hinaus – hat ihn wahrgenommen. Dennoch: Lesenswert!
Maik Meid
Ruhrgebietskind Jg. 1976, lebt in Hattingen, Fundraising-Manager (FA), studierter Sozialmensch. Seit 20 Jahren haupt- und ehrenamtlich für NGOs tätig. Leiter Sozialmarketing/Fundraising beim CJD e.V. Ruhrgebiet/Niederrhein und Lehrbeauftragter | Twitter | Xing | Google+ | Facebook
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5 Kommentare auf Deutscher Fundraising Kongress 2012 – Recap III
Hallo Maik,
vielen Dank an Dich und Deine Mitstreiter für den lesenswerten Rückblick.
Warum waren wir kein Aussteller? So ein Messestand passt nicht wirklich zu dem, was wir als Unternehmen und mit unseren Produkten vermitteln möchten. Sprich wir suchen andere Wege. Das die Gebühren beim Kongress in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen, hat die Entscheidung einfach gemacht. Und sind wir zuletzt ehrlich. Die meisten Fundraisinnen und Fundraiser haben kein großes Interesse daran, mit uns Dienstleistern auf den Ständen zu plaudern.
Zu meinem Meinungsbeitrag: Mir war klar, dass die Veröffentlichung während des Kongresses dazu führen kann, dass er im Rauschen untergeht. Dennoch habe ich bereits auf dem Kongress tolles Feedback erhalten. Mein Beitrag soll eine Diskussion eröffnen und ich werde mir überlegen, wie ich die Offliner in diese Diskussion einbeziehen kann. In der Zwischenzeit lade ich Euch, sprich die Onliner, herzlich ein, meine Positionen und Thesen zu besprechen. Vielleicht gelingt es uns, eine gemeinsame Richtung zu finden, mit der wir dann auch gemeinsam die Offline-Fundraiser mitnehmen können.
Moin Maik,
danke für deinen ausführlichen Rückblick. Ich hab meinen jetzt unter http://sozialmarketing.de/deutscher-fundraising-kongress-2012-recap-4-online/ online.
Ich fand die Öffnung prinzipiell sehr gut. Gerade die Table-Sessions, die paralell zu den Seminaren angeboten waren, haben das Ganze etwas aufgelockert, genauso wie der Open Space. Aber mit den Räumen hast du natürlich recht.
Und der Vorteil der Tagung in Berlin? Ganz klar, es war bei mir ums Eck und dadurch sehr bequem. Wobei es schon komisch war Kongress und daheim schlafen miteinander zu kombinieren. Aber ganz ehrlich. Ich war überrascht, das es so gut geklappt hat. Mag daran liegen, dass die Landsberger Allee nicht gerade zentral liegt, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass viele Menschen außerhalb des Hotels die Abende verbracht haben. Die Party und Skybar war ähnlich gefüllt wie in Fulda.
Schöne Grüße
Jona
Hallo Maik,
wie immer hast Du die richtigen Worte getroffen. Ich habe den Kongress ähnlich empfunden. Wir haben mit der HelpGroup dieses Jahr übrigens keinen Stand gehabt, weil wir die letzten beiden Jahre ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Florian. Das Kosten/Nutzen-Verhältnis stimmt einfach nicht. Und die Fundraiser haben kein großes Interesse an Gesprächen auf Ständen. In den letzten Jahren hatten wir mehr Kontakte und Dialoge in der Raucherecke, beim Frühstück, abends in der Bar und sogar in der Sauna. Wofür dann einen Stand buchen? Allerdings war unsere Beilage in der Kongresstasche ein sehr guter Erfolg. Denn die Fundraiser, die wirklich interessiert sind sprechen einen dann auch gezielt an. So groß ist der Kongress auch wieder nicht das man sich nicht findet. Der Fundraising-Kongress ist immer noch eine große Networking-Wiese. Und das ist in Ordnung so. Echte Geschäfte macht da keiner.
Der Bericht von Florian ist toll und spricht mir nach 13 Jahren Online-Fundraising aus der Seele. Aber vielleicht sollten wir uns auch mal fragen, was wir alle selbst zu einer stärkeren Wahrnehmung dieses Bereichs beitragen können. Denn wo ist die „Arbeitsgruppe Internet“ im Fundraisingverband? Wo der Vertreter unserer Zunft im Beirat oder Vorstand? Und wo der deutsche Online-Fundraisingpreis? Florian hat in seinem Bericht etwas Wichtiges gesagt: „Online-Fundraising ist keine Innovation mehr“. Genau so sehe ich das auch. Und so sehr ich Nico seinen Fundraisingpreis persönlich von ganzem Herzen auch gönne (endlich mal ein Online-Dienstleister…), so wäre mir wohler bei der Sache, wenn es eine echte Innovation gewesen wäre. Wir alle wissen, dass dies nicht so ist. Es war wohl eher eine Abstimmung mit dem Herzen, was sehr für Nico und seine Kollegen spricht. Immerhin betreiben andere wie z.B. betterplace schon seit 3 Jahren gleiche Fundraisingmodelle mit Unternehmen. Die Kampagne des Tierschutzbundes, die nun ja auch maßgliche Web 2.0 Elemente enthielt war da schon innovativer. Sorry Nico, nicht persönlich nehmen. Aber was könnten wir alle tun, um dem Thema Online-Fundraising mehr Leben und Strahlkraft zu vermitteln? So sehr es uns vielleicht wiederstreben mag – Lobbyismus. Vielleicht sollten die Vertreter der Zunft hier auch mal gemeinsam überlegen, wie man das Thema stärken kann. Ich denke, wir sind da alle gefragt …
Schöne Grüße
Harald
…vieles ist gesagt. Kann Dir aber ganz sicher bestätigen, dass das Hotel um ca. 20% günstiger über HRS zu buchen war. Spricht Bände. Schöne Grüße, Volker
Warum waren einige Aussteller nicht vertreten: Die Antwort hast du dir selbst gegeben: “nein, nicht bei jedem Wechsel der Seminarräume möchte ich meine Visitenkarte hinterlassen und ja, “Ich war schon mal bei Ihnen” und “Ja, Sie haben mich auch schon mal angesprochen” und “Nein, ich habe wirklich kein Interesse!”.”
Aus Ausstellersicht: Es ist wesentlich angenehmer, als Dienstleister Kontakt mit Kunden oder anderen netten Leuten im Foyer oder nach einem gemeinsamen Seminar aufzunehmen, wenn man nicht an einen Stand “angebunden” ist, den kaum ein Mensch besuchen will.