Was mir in Dänemark so aufgefallen ist…

8

Danebrog in StegeFamilienurlaub in Dänemark. Zwei Wochen mit der Familie in einem Ferienhaus, was vorher aus dem Katalog in diesem Internet ausgesucht wurde. Fast schon ein Klassiker. Entspannung pur, (wenn man nicht gerade mit zwei Kids unterwegs ist).

Vorweg geschickt: Ich habe keine wirkliche Ahnung über die dänische Gesellschaft über das hinaus, was man entweder in den Medien oder im Urlaub darüber so mitbekommt. Das bisschen Sozialmodell-Wissen von vor Urzeiten aus dem Studium hilft da auch nicht unbedingt weiter. Ebenso weiß ich nichts über das Fundraising vor Ort und habe auch keinerlei Kontakte zum Dänischen Fundraisingverband.

Aber auch, wenn man bloß zwei Wochen vor Ort ist, so fällt dem urlaubenden Fundraiserauge doch so einiges auf und das möchte ich mit euch teilen. Das hat natürlich keinerlei (sic!) Anspruch auf Vollständigkeit sondern gibt lediglich einen kleinen ersten Eindruck wieder.

Alles barrierefrei!

Wer über das dänische Land, die Orte und Großstädte fährt, geht oder läuft stellt erst einmal fest, dass fast alle Zugänge barrierefrei sind. Selbst in den ältesten Altstädten gibt es immer noch irgendwo zwei feste Streifen, auf denen Rollstühle und auch Kinderwagen entlang rollen können. Das hat jetzt erst mal nichts direkt mit Fundraising zu tun, zeigt aber zumindest schon mal eine gesellschaftliche Grundeinstellung, aus der man möglicherweise etwas Bedeutungsvolles ableiten könnte. Hab ich aber nicht gemacht, war ja Urlaub! Nebenbei: Über das Radland Dänemark brauche ich hier nicht zu berichten, oder? Und im nächsten Leben werde ich Fahrradfahrer in Kopenhagen.

Genbrug

Als weiteres fällt auf, dass in jedem Ort mindestens ein, meistens aber mehrere „Genbrugs“ Läden existieren. Hierbei handelt es sich um, hmm, sagen wir Geschäfte irgendwo zwischen Ladenlokalen für Gebrauchtwaren und Sozialkaufhäusern. Diese werden von gemeinnützigen Organisationen betrieben, alles voran dem Dänischen Roten Kreuz, dem Folkehjælp und nicht zuletzt den Kirchen. Von alten Tischdecken bis zu kompletten Skiausrüstungen gibt’s dort alles.

Danmission Flasche
Interessantes Modell mit Plastikflaschen: danmission

Interessanterweise waren wir in Orten, in denen teilweise drei dieser Genbrugsläden nebeneinander geöffnet waren. Ein spannendes Merchandising, das es in dieser Masse und Vielfältigkeit in Deutschland nicht gibt. Unterstellen wir den Dänen aber mal nicht den unbedingten Bedarf an solchen Läden, denn selbst Privatleute auf dem Land haben überall ihren eigenen „Loppemarket“ vor dem Haus geöffnet.

Face to Face in Dänemark

Ein weiteres Phänomen: In jeder von uns besuchten Stadt waren Campaigner unterwegs. Besonders aufgefallen sind uns da die vom Roten Kreuz, Greenpeace und der Kirche. Erkennbar waren deutliche Unterschiede zu deutschen Face to Face Aktionen.

Erstens: Es gab keinen Infostand. Die Campaignerinnen und Campaigner gingen alleine drauf los und sprachen die Menschen in den Fußgängerzonen an. Ganz ohne Klemmbrett, ausschließlich Hemd oder T-Shirt und Rucksack verrieten auf Anhieb die Zugehörigkeit zur Organisation.

Zweitens und überraschend: Die Menschen blieben fast alle stehen, hörten zu und sprachen mit den Akquisiteuren. Keiner reagierte erbost, wies forsch ab oder ging ohne Kommentar weiter. Schlussziehung: Es scheint ein ganz anderes Grundempfinden für das Geben zu geben, wenn sich keiner von den Campagnen gestört fühlt und der aus Deutschland bekannte Spießrutenlauf („Oh Gott, hoffentlich sieht er mich nicht oder spricht mich nicht an.“) findet nicht statt.

Plastikflaschen für’s Fundraising: Danmission

Auf dem Weg zu einer Mittagspause in Kopenhagen landeten wir in einem Kirchencafé direkt neben dem Strøget. Okay, allein hierüber ließe sich berichten. Viel spannender aber waren die Flaschen der Danmission, für die sich dieses Kirchencafé finanziell einsetzte.

Hab ich auch so persönlich noch nicht gesehen.

Pfandbon Dänemark
Ein Pfandbon aus einem dänischen Flaschenautomaten

Und wenn wir schon bei Getränken sind: Die Glassammelbehälter in Dänemark sind fast alle von den Rotariern oder den Lions betrieben (?) oder zur Verfügung gestellt. Zumindest weisen darauf die Logos hin. Allerdings ist mir nicht klar geworden, wie dort welche Finanzströme entstehen könnten. Vielleicht sind die Behälter aber auch nur ausschließlich von den Organisationen finanziert oder vielleicht erhalten sie auch den Erlös aus dem Recycling?

Anders ist das bei den Leergutautomaten. Die kennt man ja auch aus Deutschland. Rein mit den Flaschen, kurz gescannt, Knopf gedrückt und Quittung raus.

Ein großer Teil der Automaten haben einen extra Knopf, auf dem zum Beispiel „Trykk for livet“ steht („Drück für Leben!“ oder so ähnlich.) Drückt man dort, so wird das Pfandgeld einer Organisation gespendet. Leider konnte man bei den von uns besuchten Automaten leider nie sehen, welche Organisation nun dahinter steckt. Dies geschah erst nach dem Ausdruck der Quittung und in diesem Fall ging’s an Care. Dieses Modell gibt es auch in Schweden und Norwegen und dort bereits seit etlichen Jahren. Warum hängen bei uns eigentlich immer noch diese dicken Pfandbonboxen in den Supermärkten? Es scheint doch technische Lösungen zu geben. Oder sind die Warenwirtschaftssysteme einfach datentechnisch zu unterschiedlich?

Noch mal zurück zu den Lions

Und jetzt könnte es zum Schluss doch noch mal politischer werden. Auf einem Werbeflyer der Lions wurde auch das als Qualitätsmerkmal ausgegeben, wogegen wir uns als Fundraiser in Deutschland bislang völlig ergebnislos leider immer noch nicht energisch genug wehren:

Keine Verwaltungskosten Flyer
Keine Verwaltungskosten bei den Lions in Dänemark

0% Verwaltungskostenanteil sind das Maß der Dinge und zeugen als Garant für qualitativ hochwertige Arbeit.

Schade. Aber wie schon Anfangs erwähnt, so kann man in zwei Wochen Urlaub kein Fundraisingsystem einer Gesellschaft verstehen und bewerten. Vielleicht stecken da doch noch weitere Dinge hinter, von denen wir aktuell nichts wissen.

Hat wer von euch direktere Kontakte nach Dänemark? Was kann man ergänzen oder was stimmt so nicht? Her mit euren Kommentaren und Infos!

8 KOMMENTARE

  1. Hallo Maik.

    Danke für den interessanten Bericht. Es ist immer spannend, Eindrücke aus anderen Ländern zu erhalten! Ich hoffe der Urlaub war trotz Blickes durch die berufliche Brille schön und erholsam.

    Eine kurze Anmerkung noch zum Thema Spende statt Pfand: Obwohl sich das Unternehmen sonst nicht gerade als Vorbild sozialer unternehmerischer Verantwortung hervorhebt, hat Lidl den „Spenden“knopf an Pfandautomaten bereits seit einiger Zeit (zwei, drei Jahre?) eingeführt. Auch an wen gespendet werden kann, wird transparent dargestellt. Im Falle Lidl gehen die Spenden an die Tafel e.V.

    Viele Grüße aus München

    Anja Kalb

  2. Hallo Maik,
    komme zurück und finde deinen Urlaubsartikel ganz interessant, mir fallen aber gleich ein paar Dinge auf, zu denen mir Erklärungen einfallen: dass es immer noch einige Läden gibt, bei denen die Pfandautomaten nicht automatisiert die Spende verbuchen, könnte an den hohen Umrüstkosten liegen, die ja schließlich von irgendwem getragen werden müssen.
    Und nicht nur bei den Lions findet man 0% Verwaltungskosten super – andere Clubs denken da ähnlich und berücksichtigen dabei nicht, dass sie selber ja noch jede Menge Zeit (okay, Ehrenamt rechnet man anderswo auch nicht auf), Geld und ihr Netzwerk in die Projektverwirklichung stecken.

  3. Hej Maik,
    interessanter Artikel!
    Alles barrierefrei in einem Land ohne jegliche Erhebungen ist ja nicht schwer 😉 (okay, kleiner unangemessener Scherz!).
    Interessant finde ich das mit den Genbrug-Läden. Das sind Recycling-Läden, oder? Ich glaube solch eine Kultur wird hier auch noch zunehmen – sowohl aus Not, als auch als Frage des Lebensstils.
    Das mit den 0% Verwaltungskosten (und deinem entsprechenden Wunsch) habe ich nicht verstanden!?
    .M..

    • Hi Martin!

      Danke für den Kommentar. Die Sache mit den Verwaltungskosten ist so ein Fundraiser-Dings, das seit Jahren immer wieder und IMHO zu Recht durch die Szene geistert. 0% Verwaltungskosten sind eben das falsche Signal an die Allgemeinheit im Umgang mit Spendengeldern. Es ist eben nicht normal und vor allem machbar und auch sinnvoll, 0% zu benennen, denn es gibt immer Kosten, die anzurechnen sind. Und bevor ich jetzt erneut ein Fass aufmache: die Diskussion geht immer hin und her und die Frage, was eigentlich alles die zu benennenden Kosten sind schaukelt da immer mit.

      Maik

      • Ah, sorum wird ein Schuh draus! Okay, genauso sehe ich es auch. Ich habe einfach die Ironie in dem Artikel nicht verstanden (bin in dem Thema nicht so zuhause). Tschuldigung! 😉

  4. Hallo Maik!

    Danke für den lesenswerten Beitrag.

    Bei der technischen Lösung der Pfandspende werden in der Regel die großen Organisationen berücksichtig.
    In vielen Supermärkten werden über die Pfandboxen Spenden für (kleine) regionale Organisationen gesammelt. Das Projekt wird idealerweise direkt neben der Box auf einer kleinen Infotafel vorgestellt. Und denn Pfandbon einzuwerfen ist nochmal ein anderes Gefühl, als einfach auf einen Knopf zu drücken. Klar steckt da mehr Verwaltungsaufwand dahinter, aber wenn das für alle Beteiligten ok ist … freue ich mich auch weiterhin, wenn Pfandboxen in Supermärkten hängen.

    Beste Grüße
    Mathias

    • Hi Mathias!
      Danke für die Hinweise. Um ehrlich zu sein: Ich habe nichts gegen die Pfandbons. Besser die, als gar nichts und ich nutze die auch immer, wenn ich einen sehe (leider immer noch zu wenig). Mir ging’s eher darum, dass es schade ist, wenn es immer noch kein Automatismus ist, entsprechende Codes in die Warenwirtschaftssysteme einzubauen. Aber der schon benannte Faktor mit den Kosten für die Hardware ist natürlich auch nicht zu unterschätzen.

      Schönen Sonntag!

      Maik

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT